Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 23 (1911)
- Issue
- 11 (11.1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 24 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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24 Ans den Erinnerungen eines alten Rabbiners. Babette Fried-Prag.! I. Der edle Greis, der schon seit mehr als einem Jahrzehnte im lichten Gan Eden weilet, wird es mir verzeihen, wenn ich die Erzählungen, mit welchen er die Dämmerstunden der Wintertage uns auf so angenehme und nützliche Weise kürzte, der Oeffentlichkeit übergebe. Er wird es mir um so eher vergeben, weil ich mich sorgfältig davor hüten werde, irgend ein Lob seiner Person einfließen zu lassen, was ich bei seiner Bescheidenheit nicht wagen würde. Selbst den harten Kampf mit einem unwürdigen Gegner, den er auszufechten hatte, ein Kampf, der seine besten Kräfte verzehrte, will ich nicht näher beschreiben. Es liegt ja in der Natur der Sache, daß bei einem solchen Kampfe der edlere Teil unterliegen muß, da dieser sorgfältig alle Verteidigungsmittel untersucht, ob sie auch nichts enthalten, was dem Begriffe einer anständigen Kampfes - weise zuwiderläuft, der andere aber nicht nur Angreifer ist, sondern auch in der Wahl seiner Mittel nicht rigoros vorgehet. Wer etwa die Verhältnisse der kleinern jüdischen Kultusgemeinden Böhmens in der ersten Hälfte und zwar gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts kennt, wird diese Verhältnisse erklärlich finden. Solcher aber dürfte es jetzt nur wenige mehr geben. Kein abgerundetes Ganze werde ich in diesen Blättern niederlegen; nur einzelnes aus den Mitteilungen dieses alten Rabbiners hervorheben und ,zwar ungewöhnliche Ereignisse, die ihm während seines Wirkens als solcher vorgekommen sind. Gar nichts persönliches — nicht in seiner Eigenschaft, als Mensch, Sohn, Bruder, Gatte und Freund werde ich erzählen, sondern lediglich in seiner Eigenschaft als talmudisch' Gelehrter und staatlich angestellter Lokalrabbiner.1) Die Welt hat ja kein Interesse für die Schicksale eines Einzelnen oder einer einfachen Familie. Aus diesem Grunde begnüge ich mich mit der Schilderung einiger recht bizarren Ereignisse. Größerer Deutlichkeit wegen lasse ich seine eigenen Worte hier folgen, wie sie sich meiner damals noch jugendlichen und empfänglichen Seele einprägten, zum besseren Verständnis nur eine Erklärung hinzufügend, welche die inzwischen eingetreteffen Veränderungen im Gesellschafts- und Familienleben einerseits, der bürgerlich-ge-< setzlichen Zustände andererseits notwendig machen. *) Damals hausten die Gemeinderabbiner so, zum Unterschiede der Kreisrabbiner.