Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 23 (1911)
- Issue
- 11 (11.1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 21 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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21 Augenblick an der Ausführung seiner Selbstmordabsichten durch einen Zufall gehindert. Von Unlust und Widerwillen gegen das Studium der Psalmenlehre erfüllt, gab der sonst sehr befähigte, junge Mann nach einem siebenjährigen anstrengenden Gymnasialstudium dasselbe auf, verließ das Obergymnasium und wendete sich' einem anderen Berufe zu, da damals der Religionsunterricht nur in der Unter realschule gelehrt wurde. Er wäre bei seinem' sonst überaus menschenfreundlichen Empfinden gerne Arzt geworden und hätte sicherlich als solcher Bedeutendes geleistet. Der Zwang, der auf ihn mit dem Hebräischen durch den Religionslehrer ausgeübt wurde, brachte ihn von seiner Bahn vollständig ab und hätte diese hoffnungsreiche Existenz beinahe vernichtet. Einige von der Jugend gefürchtete zelotische Wiener Religionslehrer wirken auch heute noch auf ihre Schüler mit besonderer Strenge, rühmen sich diesbezüglich gegenüber ihren christlichen Lehrkollegen und Katecheten und treiben m ihrem blinden Eifer die Kinder direkt in die Arme der anderen Bekenntnisse, wo sie gerne auf genommen werden. Ich konstatiere ferner, daß manche meiner ehemaligen Schulkollegen aus dem Grunde sich bald konfessionslos erklärten, weil sie ehrlich bekannten, daß sie unwahr gegen sich und ihre Umgebung handeln würden, wenn sie ihnen unverständliche hebräische Gebete im Tempel hersagen würden. Zwang erzeugt Widerstand und findet hier seinen Ausdruck in den vielen Uebertrittem Wenn nun einmal der Schritt unternommen ist und der Betreffende sich konfessionslos erklärt hat, so ist er für das Judentum meistens vollständig verloren. Meine Kinder haben viele Mitschüler und Mitschülerinnen, deren Eltern sie vor dem sechsten Lebensjahre taufen ließen, hauptsächlich auch, um die Kinder von der Plage des Erlern ens des Hebräischen zu bewahren. Die Kinder sind, vom ersten Unterrichte an, ohnehin genug angestrengt, müssen meistens schon in der frühesten Jugend moderne Sprachen, Musik usw. lernen, und wissen die Eltern aus eigener Erfahrung, wie wenig ihnen das aufoktroyiert^ Studium der toten hebräischen Sprache seinerzeit in ihrer eigenen Jugend Nutzen oder Erbauung gebracht hat. Im Gegenteile! Das Wissen ist verflogen, das Hebräische war für uns nur ein nutzloser Ballast, der uns beschwerte. Die wenigsten jüngeren Väter und Mütter sind imstande, hebräische Gebete zu