Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 23 (1911)
- Issue
- 11 (11.1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 20 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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20 sie den zehnten Teil ihrer Ersparnisse wohltätigen jüdischen Zwecken widmen, wie es als Zehent in der heiligen Schrift erwähnt ist. Ein solches Bindemittel, Wohltun, ist segensreicher und stärker, als das Sichanklammern an eine tote Sprache, die nur von ganz wenigen verstanden wird. Die sodann entstehenden, begeisterten Freunde des Judentums werden dann auch gerne die heute so angefeindeten Kultussteuern bezahlen, wenn es gilt, mit diesen Steuergeldern in erster Linie Wohltaten zu vollbringen, statt daß dieselben, wie es heute zum Teil der Fall ist, für orthodoxe Zwecke verwendet werden. In Deutschland, speziell in Berlin, bestehen bereits rein deutsche freireligiöse jüdische Gemeinden. Ich habe einem derartigen Gottesdienste als Kind beigewohnt und ging damals tief ergriffen nach Hause, da ich alles verstanden hatte, während die Jugendgottesdienste in Wien mir stets unverständlich blieben und keinerlei Gefühle oder Wärme in mir auszulösen vermochten. Der deutsche Kaiser hat in richtiger Weise erkannt, daß auch das Griechische überflüssig sei und wird dasselbe an den deutschen Mittelschulen nicht mehr als obligatorisch gelehrt. Dafür werden moderne Sprachen, wie Französisch und Englisch, unterrichtet, und bringen unsere jüdischen, deutschen Mitbürger auf höhere soziale Stufen. Ebenso soll es bei uns in Oesterreich werden, daß das Hebräische nicht obligat erklärt und außerdem der Religionsunterricht in deutscher Sprache und auf moderner Grundlage aufgebaut erteilt werde, damit er nicht, nur in der wortgetreuen Uebersetzung der antiken, hebräischen Gebete, sondern in formvollendeter deutscher Sprache seinen wirkungsvollen Ausdruck finde. Ich erinnere mich einer traurigen Episode, wo ein mir nahestehender Freund in der siebenten Gymnasialklasse von seinem fanatischen Religionslehrer Dr. X. gezwungen wurde, viele hebräische Psalmen auswendig zu lernen; als er dies nicht vermochte, ließ der allseits gefürchtete Lehrer diesen Schüler und andere im ersten Semester im Gegenstande „Religion" durchfallen, behandelte ihn rücksichtslos, streng und wollte ihm auch im zweiten Semester durchfallen lassen, wodurch für diesen Schüler ein Jahr verloren gewesen wäre. Um seinen Eltern diesen Kummer nicht zuzufügen, griff der junge Mann, gänzlich irritiert, zum Revolver, sperrte sich' ein, wurde von den Eltern glücklicher Weise noch im letzten