Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 23 (1911)
- Issue
- 11 (11.1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 19 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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19 Statt dessen blieb meine Trauung mir nur eine zwangsweise Prozedur, die ich absolvieren mußte, um nach Neigung und Wahl heiraten zu können. Genau dieselben Empfindungen als ich hatten auch meine Brüder und Vettern, die ebenfalls die ihnen unverständlichen hebräischen Gebete anhören und die Broche verständnislos und bedeutungslos nachbuchstabieren mußten. Darf man dies von einem Erwachsenen, selbst denkenden Mann verlangen? Warum also dieser Zwang? Und warum das Zeremonielle nicht in der uns verständlichen deutschen Sprache? Wir deutschen Juden, die wir bemüßigt sind, die Freiheit nach vielen Richtungen hin besonders zu beanspruchen, wollen auch im eigenen Lager verlangen, daß es jedem anheimgestellt sei, daß zeremonielle Formen in deutscher oder, wenn es ausdrücklich verlangt wird, in hebräischer Sprache stattfinden mögen. Ebenso können wir verlangen, daß Eltern, welche ihren Kindern in orthodoxer, oder in der jetzigen Weise, oder in der Zukunft nur in rein deutscher Weise Religionsunterricht angedeihen lassen wollen, daran nicht gehindert werden. Von den Verfechtern des hebräischen Unterrichtes, die, vor Dezennien an demselben gründlich teilnahmen, wird eingewendet werden, daß gerade das Hebräische das Bindeglied sei, welches heute die Judenschaft noch zusammenhalte. Ich stelle mir das künftige Bindemittel des Judentums ganz anders vor: „Wir sollen ein großer, die Welt umspannender „Verein der Wohltätigkeit" unseren in den ärmsten Verhältnissen lebenden Glaubensbrüdern in Rußland, Galizien, Rumänien usw. hilfreich zur Seite stehen." In einem solchen Vereine wollen wir zusammenhalten. Nichts wirkt belebender und macht seliger, als die Empfindung vollbrachter Wohltaten an den Aermsten der Armen. Mehr als alle Gebete und Zeremonien. Wir können im Wohltun unserer Zugehörigkeit zum Judentume den beredtesten Ausdruck verleihen, indem wir den noch auf tiefster, sozialer Stufe stehenden und im Elende und Joche schmachtenden Mitbrüdern auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiete helfend zur Seite stehen, unter anderem die Werke der Alliance Israelite, Schulen, Emigration usw. fördern und die Leiden und Krankheiten lindern, z. B. Errichtung eines israelitischen Spitales in der Brigittenau usw. Ich kenne wohlhabende,, aufgeklärte Juden, die ihre Zugehörigkeit zum Judentume nur noch dadurch bekennen, daß