Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 23 (1911)
- Issue
- 11 (11.1911)
- Date
- 1911-11-01
- Page
- Seite 18 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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18 uns nicht einleuchten konnte; noch weniger konnten wir in dem mit Widerwillen aufgenommenen Studium Begeisterung oder Erbauung finden. Ich will die sicherlich bestehenden Perlen der hebräischen Wissenschaft nicht verkennen; für den Anfänger jedoch bestehen solche absolut nicht! Als Schüler legten wir uns immer die Frage vor: „Warum lernen wir nicht all' das in deutscher Sprache, die wir verstehen? , Wir sind genug belastet durch die in den Mittelschulen obligaten Fächer, wie Französisch, Englisch, Lateinisch, Griechisch und kennen für das praktische Leben keine Nutzanwendung des Hebräischen!" Jedem Studium muß Liebe und Lust entgegengebracht werden. Bei dem Hebräischen war dies jedoch nie der Fall. Es wurden uns Sätze eingepaukt, deren Sinn uns nur durch die gleichzeitig eingepaukte deutsche Uebersetzung für kurze Zeit im Gedächtnis blieb; doch bald war das widerwillig Erlernte in beiden Sprachen wieder vergessen! Ich erinnere mich noch, wie ich, und später meine Brüder, anläßlich der Barmizwah in den Tempel geführt wurden. Unterwegs gab sich unser Vater die größte Mühe, die vor dem Altar aufzusagende Broche unserem Gedächtnisse einzuprägen. Mühsam stotterten wir dann im Tempel, ohne uns der ethischen Bedeutung des Augenblicks gewahr zu werden, ohne jede Begeisterung diese Worte hervor, stockten, so daß uns die Anderen die Worte zuflüstern mußten und wir dankten erst dann und zwar in deutscher Sprache, als wir die Sache überstanden hatten! Der Weg, den ich damals in den Tempel machte, war für mich einer der schwersten meiner Jugendzeit und mit einem Gefühl der Bangigkeit denke ich noch heute daran. Genau dieselben Empfindungen hatten auch meine Brüder und Freunde. Noch störender wirkte auf mich in späterer Zeit, anläßlich meiner Hochzeit, der Umstand, daß ich in der weihevollen Stunde meiner Trauung, unter dem Traualtar stehend, bemüßigt war, dem Vorbeter mir gänzlich unverständliche Worte nachzusagen; erst sträubte sich mein männliches Gefühl dagegen, daß ich, wie ein Kind, Worte nachsagen mußte, die mich in meinem Denken und Empfinden direkt störten und irritierten, da ich sie nicht verstand. Was an Stimmung in mir in jener Stunde vorhanden war, wurde durch die mir unverständlichen hebräischen Gebete verscheucht. Wären deutsche, mir verständliche Worte an mein Ohr gedrungen, so hätte ich zeitlebens, ebenso bei der Barmizwah, eine erhebende Erinnerung behalten!