Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 22 (1910)
- Issue
- 12 (12.1910)
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 22 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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22 stand Philen zur Zeit der Kreuzzüge. Es entwickelte sich in den europäischen Ländern ein autochthoner Kaufmannsstand und plötzlich wird „aus der Achtung der Juden ihre Aechtung, aus dem Wohlstand ein Notstand"; sie werden in den Wucher hineingedrängt, der ihnen aber nicht Reichtum, sondern durch die ständigen Verfolgungen und Expropriierungen Not und Elend brachte, so daß, von der Zeit des schwarzen Todes angefangen, die Geschichte der Juden Europas das Bild unerhörter Verelendung in materieller und geistiger Hinsicht darbot. Spanien, England, Frankreich, Deutschland, Polen, Rußland, das ist der Weg, den die Juden, gleichzeitig mit der Bewegung des Kapitalismus, als dessen Träger, durchgemacht haben. Nach dem dreißigjährigen Krieg lag Deutschland verwüstet, die Juden wurden zurückberufen und langsam gesundete es wieder. Werner Sombart hat in jüngster Zeit quellenmäßig nachgewiesen, wie im Mittelalter und im Anfange der Neuzeit in allen Gegenden Europas der Wohlstand der Bevölkerung mit der Auswanderung der Juden fiel, und wie der Wohlstand der neuen, heute noch blühenden Handelsemporien durch ihre Zuwanderung geschaffen wurde. Bekannt ist, welche kolossale befruchtende Tätigkeit sie seit ihrer Emanzipation in ganz Europa entfaltet haben. Werner Sombart hat weiters darauf hingewiesen, wie die kapitalistische Entwicklung der Neuzeit auf dre Juden zurückzuführen sei, wie der neu entdeckte Kontinent erst Süd-, dann Nordamerika durch spanische oder portugiesische Märannen wirtschaftlich erschlossen wurde, wie der Reichtum Hollands, der Frankfurts, Hamburgs und Londons auf seine Juden zurückzuführen sei. Was aber Sombart nicht erwähnt oder übersieht, daß ist das Gesetz der Depossedier u n g der Juden überall dort, wo sie in dei Diaspora leben und nicht mehr der Urproduktion angehören. Wir sehen das überall durch die ganze Geschichte, wir sehen es jetzt hier unter unseren Augen, und fast in allen, auch den unzugänglichst scheinenden Berufen. Vor einigen Tagen ging hier in Wien die tatsächlich begründete Nachricht durch die Blätter, daß die sämtlichen, bisher staatlichen Spitäler verlände'rt werden sollten. Diese Maßregel wäre für die jüdischen Aerzte von unübersehbarer Tragweite. Die ganze Verwaltung derselben käme in die Hände der gegenwärtig hier unbeschränkt herrschenden politischen Partei, d. h. der Antisemiten, und damit wäre auch das Schicksal der jüdischen Aerzte besiegelt. Die Gemeinde Wien beschäftigt jetzt zirka 400 Aerzte, es würden zirka 400—500 weitere Aerzte dazu kommen, das wäre fast 1000 fixe Stellen. Das jetzige System des Hilfsarzttums bot die Möglichkeit vorzüglicher Ausbildung. Wenn die jüdischen Aerzte dort keine Ausbildung mehr erlangen können, so ist ihnen der Aerzte-