Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1910-12-01 · 12 (12.1910) · p. Seite 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
22 (1910)
Issue
12 (12.1910)
Date
1910-12-01
Page
Seite 20 (sequence 25)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9756662-9604359-9604360--2234-9604382
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

20 Und wenn wir in ganz derselben Aktion auch ein Mittel haben, sowohl gegen die ökonomische, wie gegen die seelische Not, gegen die Erniedrigung durch den Antisemitismus, ein Mittel fcur psychischen und physischen Verbesserung der Rasse, ein Mittel aus jüdischen Krüppelexistenzen jüdische Vollexistenzen zu machen, ein "Mittel gegen "die Dissoziation, ein Mittel gegen die Entfremdung vom' Wesen 'des Judentums, ein Mittel, 'den alten Glanz unseres Namens wieder herzustellen; wenn wir sehen, wie nur durch ein blindes, rein automatisches Geschehen der geschilderte Destruktionsprozeß alles, was gut ist, z e rfrißt, so scheint es, daß es für sittlich denkende Menschen nur eine Aufgabe gibt, — diesem blinden Fatum unseren Willen zur befreienden Tat gegenüber zu stellen, unseren Willen, der die Frucht ist des logischen Erkennens unserer gelbst, unseres Wertes für uns, unseres Wertes für die Kultur. — — — Und doch wäre ein solcher Standpunkt falsch, grundfalsch. Denn das sind Ideale. Von Idealen aber darf man sich höchstens dann leiten lassen, wenn es sich um das eigene Schicksal allein handelt, nicht aber, wo es sich handelt um Leib und Leben, um Gut und Blut von Tausenden, ja von Millionen anderer Menschen, um die Zukunft ungezählter, kommender Geschlechter; da dürfen solche Gedankengänge nie der wirkliche Entscheidungsgrund sein. Nicht Prinzipien und nicht Theorien, nicht langsichtige mataphysische Ziele und philosophische Spekulationen dürfen hier maßgebend sein, sondern nur kühle und nüchterne, trockene und prosaische, auf die unmittelbare Gegenwart gerichtete Ueberlegung. Von allen menschlichen Betätigungen aber ist die rein wirtschaftliche diejenige, wo ein trockenes, prosaisches, ausschließlich praktisches Urteil den meisten Wert besitzt. Nur dann, wenn auch die bloße Berücksichtigung — ich möchte fast sagen, die rein geschäftsmäßige Berücksichtigung — der unmittelbaren wirtschaftlichen Vorteile und Nachteile, wenn also rein realpolitische Erwägungen ein gleiches Resultat ergeben würden, dann haben die idealpolitischen Erwägungen den Wert einer Richtschnur für praktische Aktionen des Lebens. Eine kurze Betrachtung der wirtschaftlichen Lage und deren hier waltenden Gesetze ist also notwendig, wollen wir zu einer abschließenden Meinung über das zu behandelnde Thema kommen. Da müßte nun die wirtschaftliche Lage der östlichen und der westlichen Länder besonders betrachtet werden. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß die Lage der nicht zahlreichen westlichen Juden verhältnismäßig gut, die der mitteleuropäischen Juden wechselnd, die der östlichen aber, die die eigentliche Masse des jüdischen Volkes repräsentieren, grau, übergrau ist. Daß sie so entsetzlich Ist, "daß es hier wirklich nur eine Aufgabe gibt: Hilfe aus der drückendsten, furchtbarsten, erwiirx

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.