Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 22 (1910)
- Issue
- 12 (12.1910)
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 14 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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14 setzend wirken und daß dieser Geist, wenn man auch schon seine guten und positiven Eigenschaften aufzählen .will, sich das, was andere geschaffen haben, rasch aneignen und wie jede andere Marktware vorteilhaft auswerten kann. Die Untersuchung der Frage, ob wirklich die spezifischen Fähigkeiten der Verschiedenen Rassen verschieden sind, ob es spezifische Fähigkeiten, spezifische Begabungsqualitäten derselben überhaupt gibt, dies, die Aufgabe, diesen Fragen auf den Leib zu rücken: das ist das Rassenproblem. Seit Jahrhunderten mag man an welche Quelle der Bildung immer herangehen, ob man jetzt Geschichtswerke aufschlägt, sich aus der schönen Literatur oder aus den Tagesblättern seine geistige Nahrung holt, immer ist nur die Rede von der bestimmten unveränderlichen Eigenart dieses oder ienes Volkes. Man spricht fast, ausnahmslos von den aktiven, energischen', nüchternen Völkern Europas, von ,den phantastischen, aber passiven und schlaffen Völkern Asiens, von den faulen und sinnlichen Afrikanern usw. Die ständige Eigenart der F ranzosen ist der Esprit, die der Russen die Melancholie, die der alten Inder die Philosophie, die der Griechen die Kunst, die der Engländer oder der Römer die Energie die der Deutschen die Dichter und Denker, die der Juden Familiensinn, Fleiß, Sparsamkeit und Handelstalent. Diese Eigenschaften haben die Völker sozusagen als ihre natürliche Mitgift, der sie sich gar nicht entledigen könnten, selbst wenn sie wollten. Sie sind ihre ständigen und ewigen Eigenschaften. Und hier habe ich nun die Kühnheit, zu sagen: das ist unrichtig. Nicht, daß diese Eigenschaft nicht existieren würde. Es wäre töricht, zu leugnen, daß sich die Griechen durch ihren Kunstsinn und die Römer durch ihre Energie ausgezeichnet haben, daß manche Völker tatkräftig und daß andere wieder schwach und energielos sind, daß die Eigenart der Skandinavier eine andere ist als die der Italiener. Warum diese Völker aber in gegebenen Epochen der Geschichte gerade diese Eigenschaften aufwiesen, das hat nicht seinen Grund darin, daß sie von Anbeginn an von einer besonders wohlwollenden Vorsehung gerade mit diesen Eigenschaften begnadet wurden, sondern dafür lassen sich die konstitutiven Ursachen in dem äußeren, wie im historischen und sozialen Milieu dieser Völker ohne Schwierigkeit ausfindig machen. Es ist auch ganz unmöglich, daß diese Eigenschaften durch die Jahrhunderte fort ganz unveränderlich und starr würden bestehen bleiben können, und es ist absurd, anzunehmen, daß ein anderes 'Milieu nicht gerade die entgegengesetzten Eigenschaften hätte auslösen können. Die Begabungsqualitäten verschiedener Rassen sind nicht konstant, die Begabungsqualität irgend eines Volkes' in einer bestimmten Zeitepoche ist nicht durch die Rasse ge-