Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 22 (1910)
- Issue
- 12 (12.1910)
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 10 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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10 es im Mittelalter bestand. Hieher gehören die breite untere Masse der Juden in Rußland, Rumänien und Galizien, die eingeborenen Juden Marokkos, Asiens und der europäischen Türkei. Sie haben oder hatten bis noch vor kurzem ihre eigene Umgangssprache im sogenannten „Jüdisch-deutsch", bezw. im Spaniolischen (gerade jetzt beginnt fast überall die Landessprache an deren Stelle zu treten). Sie halten sich in nationaler Absonderung, tragen ihre besondere Tracht, leben zum großen Teil noch nach altjüdischem Recht und suchen ihre schlechte materielle Lage durch religiöse Inbrunst und talmudisches Studium zu vergessen. Der Zahl nach ist diese Schichte noch immer die stärkste im Judentum; etwa 7 Millionen, also zwei Drittel aller Juden, gehören ihr an. Die zweite Schicht hat von europäischer Kultur einige Einwirkung erfahren und spricht entweder ausschließlich oder neben dem Jargon die Landessprache. Sie hat die eigene Tracht aufgegeben und kleidet sich ebenso wie die Christen. Die jüdischen Ritualien werden befolgt, doch ist die Intoleranz gegen das Nichtjüdische gewichen, die Nachahmung christlichen Wesens und die Beschäftigung mit nichtjüdischer Literatur gilt nicht mehr als verwerflich. Die Glieder dieser Schicht leben meist in leidlich befriedigenden Einkommensverhältnissen, manche in bescheidenem Wohlstande. Wir zählen hieher die nach England und Amerika ausgewanderten russischen und galizischen Juden, die Juden Algiers und der christlichen Balkanstaaten, die niederen Schichten der Bevölkerung Hollands und die Juden der kleinen Städte in Oesterreich (ausschließlich Galiziens), Ungarns, im östlichen Deutschland und im Elsaß. Ihre Gesamtzahl ist auf V-f2 Millionen zu veranschlagen. Die dritte Schicht hat sich von den jüdischen Ritualien, insbesondere der Feier des Sabbat, ganz oder größtenteils losgesagt, spricht ausschließlich die Landessprache und beschäftigt sich mit dem jüdischen Schrifttum gar nicht mehr. Ihre Zugehörigkeit zum Judentum dokumentiert sich nur noch dadurch, daß ihre Glieder nur einen jüdischen Gatten heiraten» ihre Söhne noch beschneiden lassen und daß sie zeitweilig (meist nur an zwei oder drei hohen Feiertagen) die Synagoge besuchen. Zu dieser Klasse, welche in der Regel in guten materiellen Verhältnissen lebt, gehört die sogenannte jüdische Bourgeoisie in England nebst Kolonien, in Italien, Frankreich, Holland und Amerika und in allen größeren (Städten Deutschlands, (Oesterreichs (ausschließlich Galiziens) und Ungarns. Ihre Zahl dürfte etwa 1*4 Million betragen. Di-e vierte Schicht endlich hat mit dem Judentum als Religion ganz gebrochen und bleibt nur deshalb jüdisch, weil sie aus Pietät, aus Wahrhaftigkeit, aus Ehrgefühl oder ver-