Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 22 (1910)
- Issue
- 12 (12.1910)
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 9 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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9 der Mischehen, obwohl dieselben durch die österreichische Gesetzgebung ungemein erschwert sind, in den Jahren 1891 bis 1895 38-5o/o, 1896 bis 1899 41"6o/0, 1900 bis 1903 6r4<y0. In Alistralien, und dort gilt es auch für die Zugewanderten, betrugen die Mischehen: in Westaustralien 39"5o/o, in Neu-Südwales 46o/o, Am krassesten sind die Verhältnisse in Dänemark, besonders in Kopenhagen. Dort hat sich die Zahl des jüdischen Elements in den letzten zwei Generationen um mehr als die Hälfte verringert. Die Zahl der Mischehen hat im Durchschnitt der Jahre 1900 bis 1905 eine Höhe von 82'9o/0 erreicht! Mehr also noch' als die Taufe führt die Mischehe eine Verminderung des Bestandes der jüdischen Bevölkerung herbei. Beide leiten denselben Prozeß des Einsickerns und Verschwindens jüdischen Blutes in der umgebenden, an Zahl weit überlegenen rassenfremden Bevölkerung ein. Fassen wir alles zusammen, so zeigt, sich in der Gegenwart ein erhebliches Anschwellen der Taufziffern und der Mischeheziffern in den westlichen Ländern. Dagegen hält das große Juden-Ghetto in Rußland und Galizien den auflösenden Einflüssen stand und erleidet nur unerhebliche Abbröckelungen. Sozialökonomisch bietet heute die Verbesserung der materiellen Lage und das Zuströmen der Juden in die großen Städte einen Hauptanlaß zur Taufe und Mischehe, und mit der Milderung des ökonomischen Elends und dem Anwachsen der Großstädte scheint deshalb die Prognose gegeben. — Das entwickeltere Land zeigt stets dem minder entwickelten nur das Bild der .eigenen Zukunft. Die östlichen Juden werden sich daher, wenn das Schicksal ihr Los bessern sollte, nach mehreren Generationen wahrscheinlich dort befinden, wo die westlichen jetzt sind. „Wenn es den Juden der Diaspora nicht schlecht geht, führt sie dann eintretende Assimilation; über Taufe und Mischehen aus dem Judentum hinaus. Um die Juden dem Judentum zu erhalten, gäbe es daher nur zwei Mittel: äußeren Druck oder die Aufhebung der Diaspora." Mit wahrhaft klassischer Anschaulichkeit hat Ruppin in seinem Buche „Die Juden der Gegenwart", die gegenwärtig innerhalb der Judenheit sich vollziehenden Entwicklungen skizziert. So anschaulich, daß wir die betreffende Stelle wörtlich zitieren wollen: „Ueberblickt man die gesamte Judenheit, wie sie sich seit anderthalb Jahrhunderten gestaltet hat, so kann man vier Schichten unterscheiden. „In erster Linie kommt die große Masse der Juden, die von der modernen Kultur noch nicht erreicht worden ist und die deshalb auf demselben Kulturniveau verblieben ist, wie