Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 22 (1910)
- Issue
- 12 (12.1910)
- Date
- 1910-12-01
- Page
- Seite 7 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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? 1. die verringerte Maßgeblichkeit der Religion überhaupt; 2. das Verschwinden des spezifisch jüdischen Milieus; 3. durch die Wirkung der Rassentheorien. Bezüglich der Punkte 1 und 2 ließen sich nur Mittel vorschlagen, wie sie namentlich die in Süddeutschland verbreitete Neoorthodoxie anwendet, die darauf ausgeht, Wissenschaft und Religion zu vereinigen; es ist aber von vornherein sicher, so billigenswert ihre Bestrebungen und so hochstehend sie auch sind, daß sie nie die Kraft der alten Orthodoxie wird erreichen können. Bezüglich des dritten Punktes ist das einzfge Mittel das genaue Studium der Geschichte und der Rassenfrage. Die Aussichten, die diese anwendbaren Mittel auf den Prozeß haben könnten, sind wohl so, daß wohl die verzögernde, nicht aber eine aufhaltende Wirkung davon erwartet werden könnte. Auch die Klärung der Ansichten über den Rassenwert könnte nur ganz indirekt wirken. Es sei denn, daß die Verlockungen zur Apostasie verschwinden würden oder daß der Staat nicht mehr durch die materiellen und sozialen Vorteile, die er den Apostaten aussetzt, Prämien auf diese Gesinnungsniedrigkeiten bezahlt. Und zwar wäre diese Wirkung nur dann echt, wenn sie eintreten würde nicht auf Grund eines etwaigen Boykotts, sondern durch ein Verschwinden des politischen und gesellschaftlichen Antisemitismus. Die wirklich radikalste Bekämpfung der Ursachen natürlich wäre nur eine solch intensive Milieuänderung, daß dadurch nicht nur die zurückschaltende, die Coercitivkraft, vervielfacht, sondern auch schor das Herantreten 'der Versuchung unmöglich gemacht würde. Wichtiger als die bloße Verurteilung von hoher Warte herab wäre die Aufgabe, die Instrumente und das Milieu zu schaffen, die den Einzelnen außerhalb des oft furchtbaren und vernichtenden Kampfes stellen. — Auf dies letztere Moment kommen wir noch zu sprechen. Zu unserer Untersuchung, ob die Erhaltungs- oder die Auflösungs-Tendenzen vorwiegen, wollen wir abschließend konstatieren, daß gegenwärtig eine Progredienz der Taufbewegung besteht. Für den numerischen Bestand bedeutet diese Bewegung noch keine Gefahr. Sie verändert wohl fortwährend die soziale Struktur des Volkes zu seinen Ungunsten, weil vorwiegend die h ö he r e n Stände abfallen, aber die Zahl der Juden wird dadurch nicht wesentlich geringer. Nur die symptomate Bedeutung der Tatsache der Progredienz ist es, die ein Memento bedeuten muß. Die Destruktionsvorgänge anderer Art brauchen wir nur zu streifen. In ungezählten Vorträgen und Artikeln, deren Sukkuswir nicht einmal zu wiederholen brauchen, so sind sie bereits in jedermanns Bewußtsein übergegangen, wurde unzähligemal bewiesen, wie in unserer Judenheit heute das Solidaritätsgefühl