Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1910-12-01 · 12 (12.1910) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
22 (1910)
Issue
12 (12.1910)
Date
1910-12-01
Page
Seite 6 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9756662-9604359-9604360--2220-9604368
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

6 sich wirft, ohne imstande zu sein, seine eigene Ethik aus sich selbst heraus neu zu bilden, der unterdrückt damit bewußt den besseren Kern seiner eigenen Persönlichkeit, der macht eine Trennung z wischenden egoistisch e-n und den seelischen Motiven, der sagt sich also von dem seelischen Inhalt seiner Persönlichkeit los. Diese Apostaten von ihrem eigenen besseren Selbst sind durch diese Wegwerfung ihres Innenmenschen keine Vollmenschen mehr, es entwickeln sich aus ihnen Menschen, die innerlich arm geworden sind. Das sind notwendige, rationell begründete Folgen jeder Lossagung eines Menschen von seinem Volkstum, wenn er eben nicht in sich selbst eine eigene neue ethische Welt begründet hat. Das sind Wirkungen, die in der Folge stets eintreten müssen. Aber schon der Akt der Konfessionslosigkeitserklärung selbst, der Akt, eines Tages plötzlich formell zu erklären, ich bin von heute an nicht mehr Jude, ist ein Akt der Unwahrheit selbst im Falle der Atheisten, weil eben'das Judentum] wohl eine Konfession ist, aber nicht nur eine solche, sondern auch eine anthropologische Klassifikation darstellt, aus der ein Mensch physisch schlechterdings nicht austreten kann. Adel des Charakters, das Wesen desselben, ist Wahrheit, Offenheit, Gradheit. Und diejenige Eigenschaft, die jeden Adel des Charakters von vornherein kontradiktorisch ausschließt, ist die Lüge. Der Entschluß, sich ein ganzes Leben lang als etwas anderes geben zu wollen, als man wirklich ist, ist ein Uebermaß an Lüge, Und es ist nicht zu viel gesagt, wenn man es ausspricht, die formelle Lossagung vom Judentum ist für alle jene, denen Wahrheit das oberste Gesetz des Lebens ist, ein Testimonium der Charakterlosigkeit, ein niedriges Vorgehen. Die Stigmatisierung dieser Leute durch Boykott, durch die gesellschaftliche Aechtung, ist die vorgeschlagene Remedur. Ob sie eine genügende und vom Standpunkt der Opportunität richtige Abhilfe darstellt, ist zweifelhaft. Nicht durch Repression und durch symptomatische Behandlung bekämpft ein wirklicher Arzt die Krankheiten, sondern durch Bekämpfung ihrer Ursachen. Ein Boykott scheitert ja übrigens in den ja hauptsächlich in Betracht kommenden Großstädten an der Schwierigkeit oder Unmöglichkeit seiner Durchführung. Und würde er durchgeführt werden können, so würde er nur als ein Akt der Intoleranz, als eine Art „Cherem", als ein Stück gröbsten Mittelalters empfunden werden. Anders ist es natürlich rücksichtlich der privaten Beziehungen und derienigen Würden, die von den Juden selbst vergeben werden. Bezüglich der Bekämpfung der Taufseuche aber durch die Bekämpfung ihrer Ursachen wollen wir wiederholen, durch welche Faktoren sie bestimmt wird: Sie wird provoziert durch die Aussicht auf materiellen oder sozialen Vorteil, sie wird begünstigt durch: %

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.