Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1910-12-01 · 12 (12.1910) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
22 (1910)
Issue
12 (12.1910)
Date
1910-12-01
Page
Seite 4 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9756662-9604359-9604360--2218-9604366
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4 die sich in jüngeren Jahren taufen lassen, das Moment der Versorgung durch die Ehe am stärksten in Betracht kommt. Der größte Teil der Frauen, die ,sich taufen lassen, ungefähr drei Viertel'derselben, steht im Alter von 18—30 Jahren. Ferner findet bei einer Anzahl verheirateter Frauen die Taufe zweifellos zu dem Zwecke statt, um dadurch die in Oesterreich sonst unmögliche Taufe der Kinder zu ermöglichen. Für einen großen Teil der Taufen von verheirateten und ledigen Frauen gibt es aber sicherlich keinen triftigeren Grund als bloß die gegenwärtige ,,Mode", im Judentum etwas Inferiores und Rückständiges zu erblicken. Fassen wir die Gründe zur Apostasie zusammen, so finden wir: 1. am häufigsten vertreten die Rücksicht auf die Karriere, und zwar mehr zum Zwecke der sozialen Rangserhöhung als zur Verbesserung der materiellen Lage, 2. Taufe zum Zwecke der Ehe, 3. ideologische Motive, weil man das Judentum für etwas Rückständiges hält, das überwunden werden müsse, 4; endlich Taufen ohne irgend einen angebbaren Grund, aus bloßem Uebermut. Uns dürfen alle diese Tatsachen nur dafür als E rkennt - nisquellen dienen, daß das Judentum, daß der heutige Inhalt des Judentums in kritischen Phasen bei differenzierteren Naturen auf die Psyche nicht mehr dieselbe starke Kraft ausübt, wie in früheren Zeiten und daß diese Kraft noch weiter von Jahr zu Jahr abnimmt. Und wenn wir fragen, warum der Einfluß des Judentums auf seine Anhänger ein geringerer wird, warum er notwendig geringer werden muß, so finden wir dafür eine Reihe von Ursachen. 1. In unserer gegenwärtigen Zeitepoche verliert die Religion auch bei anderen Konfessionen infolge der geänderten Weltanschauung von Tag zu Tag an Boden und Maßgeblichkeit, und wo sie nicht schwindet, da verliert sie zumindestens ihre frühere anthropomorphistische Form und die Befolgung der Ritualien und Observantien aus rein egoistischen Gründen gerät somit ins Wanken. Die egoistischen Gründe aber, d. in. in unserem Falle die unmittelbare Furcht vor Strafe oder Hoffnung auf Belohnung bei Vernachlässigung resp. bei Befolgung eines Rituals, sind die erste und wichtigste Grundlage; für die gesamte Handlungsweise eines jeden Menschen. 2. Das Nächstwichtigste ist die gegenwärtig stark verminderte Einflußsphäre des jüdischen Milieus, das Verschwinden des alten Ghettos mit Allem, was drum und dran hängt, namentlich aber mit seinem eigentümlichen Gesellschaftsleben und seinen eigenen Fest- und Ruhetagen. Wo das alte Milieu ge schwunden ist, kann das fremde Milieu mit seinen ganz anders gearteten Denkrichtungen bei Menschen, die nicht die Fähigkeit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.