Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 21 (1909)
- Issue
- 1 (1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 37 (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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37 Berlin. (Professor Strack), der bekannte evangelische Theologieprofessor an der Berliner Universität, hat seine früheren Publikationen über den Antisemitismus durch einen kurzen historischen Rückblick auf die Entwicklung des politischen Antisemitismus in Deutschland und die Methoden seiner Abwehr ergänzt und daran folgende „Schlussfolgerung" geknüpft: „Zweifellos haben die Juden grosses und schweres Unrecht erlitten; andererseits ei fordert es aber die Gerechtigkeit, anzuerkennen, dass die jüdischen Schutzredner häufig versäumt haben, die nötige Mässigung zu beobachten, dass oft von ihnen ohne genügende Beweise den Gegnern üble Beweggründe zugeschrieben wurden — z. B. durch P. P. (Grünfelds „Ben Sirah Militans — Abgebrochene Sätze für A-B-C-Kinder", Stuttgart, 18c0). Eine sehr nützliche Sammlung von Abwehrmaterial sind „Akten und Gutachten in dem Prozesse Rohling kontra Bloch", Wien, 1890, und der „Antisemitenspiegel", Danzig, 1900." Ueber die Pflichten, der Christen in Bezug auf den Antisemitismus sagt Strack: „Wir haben in erster Reihe Wahrheitsliebe und Gerechtigkeit hochzuhalten, müssen uns nicht nur vor Verleumdungen und falschen Beschuldigungen hüten, sondern diese in Fällen widerlegen, in denen die Juden sich ohne Schwierigkeiten nicht selbst verteidigen können. Die Frage der Kriminalstatistik kann z. B. mit Hilfe der jedem Nachfragenden zugängigen Ziffern ebenso gut von einem Juden wie von einem Christen erörtert werden. Wenn aber Juden über die Blutbeschuldigung oder den Talmud schreiben, kann selbst der redlichste Jude den Verdacht auf sich laden, Tatsachen zu verschweigen oder zugunsten seiner Stammesgenossen und seiner Religion schönzufärben. Deshalb haben Franz Delitzsch, ich und andere es als ihre Schuldigkeit betrachtet, nachzuweisen, dass manche von den Antisemiten gegen die jüdische Religion oder die Juden im Allgemeinen gerichtete Angriffe tatsächlich Verleumdungen sind. (Franz Delitzsch, „Rohlings Talmudjude", „Was Rohling beschworen hat", u. a. m.) Zweitens ist es unsere Pflicht, den Juden gegenüber in Wort und Tat Nächstenliebe zu üben. Wir dürfen unsere Liebe nicht auf unsere Glaubensgenossen beschränken (vergl. Gal. 6, 10), sondern müssen uns immer an die in dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter enthaltenen Lehren erinnern. (Ev. Luc. 10.) Drittens müssen wir beweisen, dass das Christentum mit Recht die Bedeutung einer Weltreligion beansprucht, und deshalb zeigen, dass es Einfluss auf die Menschenliebe geübt hat und noch übt. Es werden grosse Klagen laut über den zunehmenden Einfluss der Juden auf das öffentliche Leben, nicht nur auf das Geschäftsleben, sondern auch auf das Zeitungswesen, die Städteverwaltung u. s. w. Wir können hier nicht untersuchen, wo und wie diese Klagen begründet sind. Eines ist aber sicher: derartige Erscheinungen lassen sich weder durch Gewalt, noch durch eine einseitige Gesetzgebung beseitigen, durch die man nur schlimmere Uebelstände herbeiführen würde. Aber jeder Nichtjude, der die Meinung hegt, dass die Juden in irgend einem Ort auf ihre nichtjüdische Umgebung einen zu grossen Einfluss ausüben, sollte mit doppelter Treue seine Pflichten als Staatsbürger und Bürger seiner Stadt erfüllen und andere Nichtjuden zu gleichem Pflichteifer anspornen. Hierbei gilt also der Grundsatz: Wenn wir mit unserer Umgebung unzufrieden sind, müssen wir erst fragen, was unser Fehler ist. Lasset uns selber besser werden, dann wird auch der Stand aller Angelegenheiten besser werden!" Berlin« (Jüdische Militärärzte.) Ein Breslauer Pastor Doktor Nitschke hatte öffentlich erklärt, bis nach 1870 hätte es in der preussischen Armee j ü d i s c h e Militärärzte gegeben. Es seien aber so viele Durchstechereien beim Ausheben von Rekruten vorgekommen, dass die Heeresleitung sich genötigt sah, von der Mitwirkung jüdischer Militärärzte abzusehen. Der Zentral verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat sich daraufhin an das Kriegsministerium mit der Bitte um Auskunft gewandt, ob in der Tat jüdische Militärärzte sich derartiger