Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 21 (1909)
- Issue
- 1 (1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 31 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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31 eine unverschämte Hetz- und Schimpfrede gegen die Juden hielt. Ein ähnliches Zweiseelentum ist auch in jenen böhmischen Kurorten bemerkbar, die im Bereiche der alldeutschen Agitation liegen. Dort zeigt sich ein intermittierender Antisemitismus, dernur im Winter mit Vehemenz einsetzt, im Sommer aber sich vor den zahlreichen jüdischen Kurgästen diplomatisch zurückzieht. Ich erinnere nur an jene Progromdrohung, mit der ein Mittelschulprofessor die jüdische Bevölkerung von Teplitz- Schönau vor der Betätigung einer selbständigen politischen Meinung abzuschrecken suchte, und an so manche antisemitische Veranstaltung, deren Schauplatz Karlsbad zur Winterszeit ist. Soweit solche Treibereien von Einzelpersonen ausgehen, muss man sie ja hingehen lassen. Wenn aber^ wie das in jüngster Zeit in Franzensbad der Fall zu sein scheint, die offiziell noch immer liberale Gemeindevertretung dabei passive Assistenz leistet, dann ist es an der Zeit, gegen solche Erscheinungen mit aller Bestimmtheit und Offenheit aufzutreten. Und ich tue dies hiermit als ein langjähriger und aufrichtiger Freund der böhmischen Kurorte, nicht um ihnen in der Oeffentlichkeit zu schaden, sondern um sie im Gegenteil vor grösserem Schaden zu bewahren. In den Publikationen des Berliner Abwehrverein? erscheint alljährlich eine „Liste antisemitischer Badeorte und Sommerfrischen", vor deren Besuche das jüdische Publikum gewarnt wird. In dieser Liste finden sich bisher nur einzelne Kurhäuser und Hotels von Karlsbad als „antisemitisch" verzeichnet. Nun ist Karlsbad in seinen Heilwirkungen einzig dastehend, und selbst eine stärkere antisemitische Strömung daselbst könnte die Frequenz nicht wesentlich beeinflussen. Anders steht es z. B. mit Franzensbad, das jetzt durch die Aufnahme der Herz-Therapie, einen erfreulichen Aufschwung nimmt, in Bad Nauheim und anderen gleichartigen Bädern jedoch starke Konkurrenz besitzt. Ich glaube nicht, dass sich Franzensbad die Laune judenfeindllicher Bestrebungen schadlos gestatten dürfte. Dass nun dort einzelne Aerzte, neuestens auch ein Rechtsanwalt und etliche Badehausbesitzer antisemitische Allüren angenommen haben, dafür kann wohl die Gemeindevertretung nichts. Wenn aber der Konversationssaal, der aus allgemeinen Steuergeldern erbaut ist und für dessen Erhaltung jeder Kurgast ohne Unterschied der Konfession 4 K beisteuern muss, zu einem antisemitischen Kommerse deutschnationaler Hochschüler hergegeben wird, von welchem die Egerer Hetzpresse rühmt, dass er „ohne widerlichen Beigeschmack der aufdringlichen mauschelnden Rasse" geblieben sei, wenn dem arischen Turnverein, der die Juden ausschliesst, die städtische Turnhalle überlassen wird, wenn man dem Plane dieses Turnvereins, eine eigene Turnhalle zu erbauen, in welcher die jüdischen Kinder nicht mehr turnen könnten, in offiziellen