Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 21 (1909)
- Issue
- 1 (1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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23 zogenei Fremder und genauer Kenner Berlins bin ich aber hierzu wohl einigermassen befähigt und, falls ich mich nicht gänzlich getäuscht habe, würde das in interessanter Weise dartun, wie sich im Falle Wiens der Genius des Ortes stärker oder doch mindestens ebenbürtig erwiesen habe, als der Genius der Rasse. Das würde aber soviel heissen, als dass die „Wiener Rasse" kraft jahrtausendalter ßodenfähigkeit sich derart zäh festgesetzt, hat, dass sie alle Aggregatkörper (wie die Slawen, mit denen sie sich vermischte, so auch die Juden, mit denen sie sich nicht vermischte) sich amalgamiert und nach ihrem Ebenbilde umformt. Nichts mehr könnte in stärkerem Grade beweisen, dass das Mischproduzieren der „Wiener Rasse'' tatsächlich existiert, womit der alte Rassebegriff freilich aufgehoben wird, während ein neuer Vorstellungskreis sich siegreich in uns entfaltet." Auch in bezug auf die Schönheit, Anmut, Grazie und das Temperament der Wiener Jüdinnen weiss Franz Servaes sehr viel Interessantes und Amüsantes zu erzählen. Er ist ein galanter Herr, der den Wienerinnen sehr viel Schmeichelhaftes, Angenehmes und Verbindliches zu sagen weiss, und selbst wenn er einen leisen Tadel vorbringt, so geschieht das alles mit einer solchen Geschmeidigkeit und in so entgegenkommender Manier, dass man die Spitzen seiner Vorwürfe kaum bemerkt. Man muss gestehen, dass er in der Kennzeichnung der einzelnen Frauentypen, aus denen sich das bunte Gemisch der Wiener Weiblichkeit zusammensetzt, ein richtiges Urteil bekundet, dass er nicht übertreibt, sondern aufs eifrigste bemüht ist, die Wahrheit zu erforschen und sowohl die Lichtwie die Schattenseiten hervorzuheben. Für unsere Leser, beziehungsweise für den Zweck dieses x\rtikels werden in erster Linie die nachstehenden Auslassungen von Interesse und Wert sein: „Die — meistenteils — jüdischen Künstlerinnen bilden eine sehr bemerkenswerte Gruppe der Wiener feschen Frauen. Für Gräfinnen und Finanzdamen — eine sehr geläufige Mischung — sind sie mitunter tonangebend. Jedenfalls gehört zum guten Ton, mit ihnen zu verkehren, und sie zu Geselligkeiten heranzuziehen, natürlich soweit sie „möglich" sind. Alimählich kehrt sich dann das Verhältnis allerdings meistens um, und die Gräfinnen geben für die Künstlerinnen den Ton an. Manche Künstlerin hat in der Hinsicht eine gefährliche Klippe zu passieren; denn es ist nicht immer günstig für Künstlerinnen, einen aristokratischen Verkehr zu haben. Dieser wirkt nur allzuoft, auch in produktiver Hinsicht, abschleifend, wird hierdurch zum Hindernis für die Behauptung und Entwicklung der Individualität. Nicht viele Künstlerinnen verstehen es, sich in