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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1909-01-01 · 1 (1.1909) · p. Seite 22

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
21 (1909)
Issue
1 (1.1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 22 (sequence 27)
Language
German
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22 Einfluss ungeheuer zugenommen. Heute ist Wien ohne die Juden einfach undenkbar. Dass hier ein G-eschichtsprozess sich abgespielt hat und noch abspielt, ist unbestreitbar. Ein paar Zeilen mögen es illustrieren. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts machten die Juden mit der Kopfzahl von 1200 Angehörigen ungefähr 1/2 Prozent von Wiens Bevölkerung aus,, etwa zwei Menschenalter später umfassten sie bereits 1 Prozent und am Schluss des Jahrhunderts dürfte sich ihre Zahl gegen den Beginn verhundertfacht haben, was in Prozenten 12,4 der Gesamtheit bedeutet. Durch die damalige Erweiterung des Stadtgebietes, wodurch ein Zuwachs von ganz überwiegender christlicher Bevölkerung herbeigeführt wurde, gelang es, dieses Verhältnis auf 8,7 Prozent herabzudrücken (147 000 Köpfe). Wie die Verschiebung in den seither verstrichenen sieben bis acht Jahren sich gestaltet hat, ist mir unbekannt, kommt aber für uns kaum in Betracht. Das immens* Anwachsen des Judentums innerhalb Wiens wird Ihnen aber hiermit klar geworden sein, beste Freundin. Für unsere rassen-psychologische Betrachtung ist nun das Interessante dieses, dass diese etwa V-/2 Hunderttausend Juden sich mit der übrigen Bevölkerung so gut wie gar nicht vermischt, sondern im wesentlichen rein erhalten haben, dass sie aber trotzdem zum grossen Teil (sofern sie nicht frisch aus Rumänien oder Galizien) importiert sind, äusserlich nicht sehr viel Semitisches verraten, vielmehr in überraschender Weise einen leicht orientalischen Typus vermischter Wiener und Wienerinnen repräsentieren. Auch sonst nach Art und Gemüt sind sie vielfach vollendete Wiener geworden und sprechen die gleiche schmeichlerische Mundart wie die übrigen. Ja, sie haben die Wiener Charakterzüge, wie das in der Natur ihres Temperaments liegt, oft leidenschaftlich in sich aufgenommen und stellen sie in prononziertester Form aus sich heraus. Vor allem aber sind sie gegen diese Stadt, in der sie doch recht viele Anfeindungen erduldet, von einer schwärmerischen Liebe erfüllt. Sie haben sich vollgesogen mit den Linien und Farben der Wiener Landschaft, haben sich berauscht an der Wiener Musik und 'lern Wiener Leben, und sie möchten auf der ganzen Welt nirgendwo anders leben als eben in Wien. Gewiss wird man bei schärferer Beobachtung mancherlei l'nterschiede zwischen einem jüdischen Wiener und einem ,,Urwiener" herausfinden. Gerade das Prononziert-Wienerische manches Juden ist eigentlich schon unwienerisch. Aber diese Differenzen sind meines Bedünkens minder gross, als etwa die zwischen einem Wiener Juden und einem Berliner Juden. Dokumentarisch wird sich ja derlei nicht feststellen lassen. Es muss in der Hauptsache Gefühlsurteil bleiben. Als zuge-

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