Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 21 (1909)
- Issue
- 1 (1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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14 eröffnet hat, ein Gebiet, welches das, was man gewöhnlich Boykott nennt, weit überschreitet, weil es insbesonders die Behörden mit umfasst, und es ist ja gerade das das Gröbliche in Oesterreich, dass bei uns nicht die einzelnen Leute sich gegen die Juden wenden, sondern die behördlichen Organisationen. Ja, wenn man weiss, dass Bürgermeister und Magistrat und Statthalterei gegen die Juden auftreten, warum sollte dies nicht der Einzelne tun? Also dieser behördliche Boykott, wenn ich das Wort so nennen soll, obwohl der Name gewöhnlich nicht darauf angewendet wird, ist das Grundübel, welches den Einzelnen immer wieder ermutigt. Wenn ich den Prozess Hilsner hier anführen soll— weshalb sind wir denn vollkommen hilflos? Weil wir wissen, dass in diesem Prozesse die behördliche Organisation gew*irkt hat, und weil die behördliche,Organisation noch jetzt gegen die Wiederaufnahme des Prozesses i s t, Das ist der Wurm, der an uns frisst, der an unserem Mark zehrt. Nun hat bereits mein Freund, Herr Dr. Schwarz - Hiller, darauf hingewiesen, dass wir nicht glauben dürfen, dass die jetzige Massregel, welche der Ministerpräsident ergriffen hat, von ihm aus freien Stücken ergriffen wurde. Darüber können sich die Juden allerdings beruhigen. Soweit es sich um uns;r Ministerium handelt, teilen sie dis Schicksal ül-i allen anderen. Unser Ministerium und unsere Bureaukratie tun nie etwas, wenn sie nicht absolut müssen. Es ist schon so oft gesagt worden, dass, wenn man in Oesterreich etwas erreichen will, man immer schreien muss. Solange man nicht schreit, erhält man kein Recht. Es ist gewiss ausser Zweifel, dass der jetzige Boykott den Ministerpräsidenten gezwungen hat einzugreifen, weil derselbe eine ungeheuere Bewegimg im Deutschen Reiche hervorgerufen hat und weil dort nach Oesterreich gesagt wurde: „Wir sind nicht imstande, bei uns den Boykott gegen euch zu verhindern, wenn ihr nicht den Boykott gegen uns verhindert." Dieser Boykott im Deutschen Reiche, Sie haben es gewiss alle in den Zeitungen gelesen, gegen das Pilsener Bier, welcher jetzt noch nicht vollständig aufgehört hat, und die Anfragen, „welches Pilsner Bier eigentlich deutsch oder tschechisch ist, und welches man trinken soll oder nicht", das ist es, was den Ministerpräsidenten dazu gebracht hat. sich zu sagen: Da müsse man doch einwirken, da man sonst den einzigen Bundesgenossen verlieren könnte. Und wenn ich etwas weiter greifen sollte, gar nicht was den Boykott betrifft, sondern, was die Hilflosigkeit unserer Bureaukratie betrifft: wir haben in den letzten Tagen Gelegenheit gehabt, uns einen Freund,, der beinahe verloren gegangen ist, wieder zu gewinnen, und allgemeine menschliche Sympathien von allen Seiten