Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 12 (12.1908)
- Date
- 1908-12-01
- Page
- Seite 31 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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31 Hamburg mitteilt, ist zu Ungunsten jüdischer Anwärter für die mittlere Beamtenkarriere in Preussen ein Erlass ergangen, demzufolge j ü - dische Bewerber um die Stelle eines Kegierungssekretärs nur bei Erteilung einer besonde ren Ermächtigung des Ministers berücksichtigt werden dürfen. Der Erlass soll sogar älteren Datums sein und noch heute in Geltung stehen. Wenn diese Mitteilung, die als absolut richtig von dem Blatte bezeichnet wird, auf Wahrheit beruhen sollte, dann muss man allerdings sich nach Kussland versetzt glauben. In einem Verfassungsstaate, der Preussen doch ist, ist eine derartige Herabwürdigung von Staatsbürgern nur um ihres Glaubens willen zu Staatsbürgern zweiter Klasse geradezu unerhört. Man kann mit Fug und Hecht verlangen, dass eine solch ungeheuerliche Zurücksetzung der Staatsbürger jüdischen Glaubens sofort aufgehoben werden muss, selbst in dem Falle, dass die nach dem Erlass erforderliche Ermächtigung von dem preussischen Minister des Innern in vereinzelten Fällen erteilt sein sollte. Und es muss als Pflicht der liberalen Faktoren bezeichnet werden, dass sie im Abgeordnetenhause in entsprechender Weise den Minister interpellieren. _ Vom Büchertisch. Heinrich Heines Memoiren! Armer und doch unsterblicher Heinrich Heine! Denkmäler werden ikm versagt, werden ihm von Stadtvätern und von Leitern der bekannten Heine-Hetze verweigert und abgeschlagen. Es loht von Zeit zu Zeit der Hass gegen ihn auf, oft und bei vielen wird es sogar zur Mode, ihm den Dichterlorbeer von der Schläfe zu reissen. Was macht's? Um so mächtiger, um so stärker ist dann oft die Wirkung, die von seinen unsterblichen Werken ausgeht. Hat doch der Dichter ein Denkmal in dem Herzen aller, die ihn kennen und lieben und die mit jener von Vorurteilen unbestochenen Liebe sich nur an seine unvergänglichen Lieder, an seine nie veraltenden Gedanken und Ideen halten. Hält doch sogar ein Bismarck seinen Deutschen vor: „Und vergessen die Herren denn ganz, dass Heine ein Liederdichter ist, neben dem nur noch Goethe genannt werden darf, und das Lied gerade eine spezifisch-deutsche Dichtungsform ist?" Die Wertung Heinrich Heines steigt in der Weltliteratur zugleich mit den hässlichen Angriffen, die gegen ihn aus seinem eigenen Vaterlande gerichtet werden. Alles, was von ihm kommt, wird mit grösstem Interesse aufgenommen und findet stets einen dankbaren Kreis von Lesern, und sicher nun erst ganz besonders, wenn es sich um seine Memoiren handelt. Will man den Dichter und Menschen recht verstehen, so muss man ihn im Rahmen seiner Zeit würdigen, wie die Welt, seine ~ Zeitgenossen und Verhältnisse auf ihn einwirkten. Und kann man besser zu einem solchen Verständnis durchdringen, als durch Lektüre seiner Memoiren, die uns zeigen, wie er die Welt und die Welt ihn ansah? Vor Jahren entbrannte ein heftiger Streit um die „Memoiren" Heines. Er hielt die ganze gebildete Welt in grösster Spannung. Durch den Testamentsvollstrecker Mathilde Heines, Henri Julia in Paris, wurde die Legende, die österreichische Regierung besässe Heines Memoiren als solche nachgewiesen, ferner ist stark zu bezweifeln, dass Gustav Heine die Memoiren seines Bruders Heinrich besessen habe. Es kann als erwiesen angesehen werden, dass sich keine weiteren Bruchstücke finden werden. Heine selbst sagt am Anfang dieser Memoiren: „Diese Aufzeichnungen habe ich jedoch schier zur Hälfte wieder ver-