Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 12 (12.1908)
- Date
- 1908-12-01
- Page
- Seite 17 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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17 an, man kann es gar nicht fassen, daß jemand auf den Gedanken kommt, diese Worte zusammenzufügen. Ja, Sie brauchen sich eigentlich nur das Budget auf dieses Rechtsbewußtsein oder auf die Gleichberechtigung hin anzusehen und Sie werden sehr bald sehen, wie man diese versteht. Der Staat stellt eine stattliche Reihe von Millionen für die Kultbedürfnisse der verschiedenen Riten und Völker ein. Ich möchte nicht mißverstanden werden — man ist so schnell bei der Hand, uns als klerikal zu verschreien. Die Frage, ob der Staat für die Kultbedürfnisse aus {Steuergeldern zu sorgen habe, ist eine ganz andere, und sie will ich hier nicht erörtern. Aber ich meine, es ist für .mich und, wie ich glaube, für jeden billig und recht Denkenden klar, tdaß, wenn der Staat aus allgemeinen Steuergeldern für Kultbedürfnisse sorgt, er die Pflicht hat, ebenso für die jüdischen Bedürfnisse zu sorgen wie für die aller anderen. Und hierfür, meine Herren, sind doppelte Gründe maßgebend. Es ist uns so und so oft .feierlich erklärt worden, daß der Staat den höchsten Wert auf die sittlich-religiöse Erziehung der Jugend lege. Nun haben wir bei uns Judengemeinden, die so klein und schwach sind, daß sie ihren Seelsorgern Gehalte zahlen müssen, die kaum ausreichen, dieselben vor dem Verhungern zu schützen. Und wie soll nun der Mann, der sich tagtäglich dem grauen Elend gegenüber sieht, Liebe und Begeisterung in die Herzen der Jugend pflanzen, wie soll er seine Pflicht freudig erfüllen, wenn er daran denken muß, daß in dem Moment, wo seine Arbeitskraft erlahmt, er und die Seinen der allgemeinen Mildtätigkeit preisgegeben sind? Und doch, meine Herren, ist das nur die eine und die kleinere Seite der Frage. Die jüdischen Gemeinden sind nämlich heute weit über den Rahmen dessen, was ihnen durch das Gesetz vom Jahre 1890 zugewiesen wird, hinausgewachsen, mit einem Wort, sie müssen vikarierend überall dort eintreten, wo der Staat uns Juden gegenüber versagt, bei Waisen- und Krankenhäusern, Siechenanstalten und allen jenen sozialen Fürsorgeeinrichtungen, bei denen wir Juden natürlich stets als Stiefkinder erscheinen. Wir können ruhig sagen, daß wir gerne ,und freudig diese Pflichten übernommen haben. Meine Kollegen und ich wissen davon ein Lied zu singen, wie wöchentlich, ja fast täglich die Aermsten der Armen, die nach Heine an den drei großen Uebeln: Armut, Krankheit eund Judentum leiden, zu uns kommen, nachdem sie von Tür zu Tür. gewandelt sind und sie überall verschlossen gefunden haben, vwie sie nirgends ein Plätzchen finden, wo sie ihren leidengequälten Leib hinlegen und nicht einmal das