Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 12 (12.1908)
- Date
- 1908-12-01
- Page
- Seite 11 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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IL Man wird vielleicht einwenden, das jüdische Mädchen sei eben zu berechnend, einer innigen Liebe nicht so fähig. Das ist einfach unwahr. Wären sie das, o, sie hätten viel günstigere Aussichten zum Heiraten. Und übrigens: in welchen Ehen ist mehr Liebe zu finden? Und endlich noch eine dritte Gruppe: Jene verächtlichen Überläufer, die ihren angestammten Väterglauben, dem sie ihr Glück, ihren Reichtum, ihre Zähigkeit, ja selbst ihre Ehre zu danken haben, verbissen, um einer ihnen ewig fremd bleibenden Glaubensgemeinschaft sich anzuschließen, deren Lehren sie ja doch niemals mit Überzeugung sich zu eigen machen werden, welche sie vielmehr durch ihr angeborenes abtrünniges Wesen nur zu schädigen geeignet sind. Und in der Tat, man kann ruhig sagen, dass, wenn die Kirche heute so vielen Anfeindungen ausgesetzt ist, nicht zu allerletzt die jüdischen Renegaten Mitschuld daran haben. Doch das möge die Kirche mit sich ausmachen — für uns haben diese Abtrünnigen nur insoferne Interesse, als sie unseren Mädchen verloren gehen, die ganz gewiß ein viel schöneres, glücklicheres Heim ihnen bereitet hätten, als diejenigen Mädchen, welche Abtrünnige eigentlich zu erreichen imstande sind. Denn es ist ja bekannt, daß so mancher jüdische junge Mann, der als Jude ein herrliches, vornehmes, edeldenkendes jüdisches Mädchen erheiratet hätte, als Überläufer froh sein muß, wenn er in eine minderwertige Familie seiner neuen Umgebung' hineinschlüpfen kann. Als Jude wäre er empört über eine solche jüdische Umgebung gewesen, als Renegat genügt es ihm, obschon er gesellschaftlich dadurch wohl eingebüßt hat, Diese drei Gruppen von jüdischen Männern tragen viel zur Vergrößerung jüdischen Elends bei, und sie sind schuld daran, wenn heute der jüdische Vater nur mehr mit schweren Opfern und nur mit einer großen Mitgift, die oft in gar keinem Verhältnisse zu den Fähigkeiten und dem Stande des jungen Mannes steht, einen Ehebewerber für seine Tochter, in der er das Beste und Edelste hineingelegt hat, findet. Sie sind aber auch schuld daran, wenn ein Vater, der für sich selbstlos, bescheiden ist, aus heißer Liebe zu seinem Kinde, um es ja nur nicht vereinsamt zurücklassen zu müssen, zu Mitteln und Wegen greift, die mit Ehre und Treue nicht im Einklänge stehen. Und es kann nur in der veredelnden, sittlichen Kraft des Judentums liegen, wenn solche ehrvergessene Väter trotz so vieler seelischer Bedrückungen zu den größten Seltenheiten in unserer Mitte zählen. Wer aber vermag auch für die Dauer, wenn diese unhaltbaren Zustände weiter andauern sollten, gutzustehen?