Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 12 (12.1908)
- Date
- 1908-12-01
- Page
- Seite 7 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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7 Aber wir widerstehen dieser Lockung, weil wir nicht aus einer auswärtigen Verlegenheit Waffen zur Bekämpfung eines Unrechtes im Innern schmieden wollen. Wir haben nicht gesäumt, den Ministerpräsidenten auf die Halbschlächtigkeit und Gefährlichkeit seines Erlasses aufmerksam zu machen und veröffentlichen die diesbezügliche Eingabe am Schlüsse dieser Zeilen. Hier nur noch ein kurzes Wort über die Stellung der nationalen Parteien zu den Juden. Boykottiert werden wir von links und rechts, von Deutschen und Czechen. Aber während auf deutscher Seite die gebildeten und gemäßigten Elemente der Judenhetze nicht nur passive Assistenz leisten, sondern sogar mit den radikal-antisemitischen Elementen offen fraternisieren, hat ja der liberale Abgeordnete Dr. Per gelt sich nicht entblödet, die jüdischen Anhänger der deutsch-liberalen Partei den Czechen als Geschenk anzubieten, wofür ihm der Abgeordnete K u r a n d a eine scharfe Zurechtweisung erteilte — ist auf czechischer Seite ein entschiedener Widerstand der gebildeten Stände gegen die radikalen Judenfresser wahrnehmbar. Unmittelbar nach dem Boykottmanifest, das Herr Klofac an seine Getreuen erließ, hat sich in Prag eine Vereinigung sozial hochstehender Frauen gebildet, welche jüdischen Geschäftsleuten Schutzatteste ausstellt und durch Einkäufe bei solchen Geschäftsleuten ein wirksames Beispiel der Toleranz gibt. Und das Entscheidende für die sittlichen Anschauungen eines Volkes liegt nicht in der Frage, ob zeitweilig in seiner Mitte radikale und brutale Elemente emporkommen, sondern wie sich die Schichte der Gebildeten und Rechtschaffenen zu diesen Elementen stellt. * * * Die „Oesterreichisch-Israelitische Union" hat am 19. d. M. folgende Eingabe an den Ministerpräsidenten Freiherrn von Bienerth gerichtet: „Eure Exzellenz! Die öffentlichen Blätter publizieren eine Zuschrift Eurer Exzellenz an den Leiter des Justizministeriums, in welcher auf die schädlichen Wirkungen der nationalen Boykottbewegung in Böhmen und Mähren hingewiesen und die Pflicht der Regierung betont wird, mit allen durch das Straf- und Preßgesetz gebotenen Mitteln der Agitation für den nationalen Boykott entgegenzutreten. Anläßlich dieser außergewöhnlichen Kundgebung beehren wir uns, die Aufmerksamkeit Eurer Exzellenz auf die Tatsache zu lenken, daß der Boykott als Waffe im politischen Kampfe nicht erst „neuestens", wie es in der angezogenen Zuschrift heißt, und nicht nur in Böhmen und Mähren zwischen feindlichen nationalen Parteien zur Anwendung gelangt, sondern daß dieses verwerfliche Kampfmittel seit langen Jahren unausgesetzt in Wien und in sämtlichen Krön-