Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 12 (12.1908)
- Date
- 1908-12-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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2 An den Stufen eines Thrones, der als Sitz der Gerecktigkeit und väterlichen Fürsorge Ehrfurcht eingeflößt, habe* sich Elemente, die sonst über andere wild hergefallen wären, jedes auf seinem Platze verhalten. So hat man sich den weisen Salomo als einen Regenten gedacht, der Feindseligkeiten und Gegnerschaften, wie sie zwischen Stier und Leu, Bär und Schaf, Leopard und Kamel, Adler und Pfau, Katze und Hahn, Sperber und Taube bestehen, auseinander zu halten verstanden, und die Gewalttätigen bändigend und die Rohen zähmend, die Schwachen beschützt hat. Seine Herrschaft ist als ein Sieg des milden Rechtes über die brutale Willkür, der Kultur über die rohe Natur aufgefasst, der Nachwelt wie die Bewältigung eines wilden Vogels durch ein sanftes Täubchen erschienen. Dem Kreise solcher Vorstellungen entstammt das merkwürdige Bild seines Thrones, das die lebhafte Phantasie eines seiner späten Bewunderer geschaffen. Er war in der Tat, wozu schon sein angenommener Name „Salomo" stimmt, ein Friedensfürst; friedlich war sein Verhalten nach außen und Friede und Wohlfahrt waren seine Strebeziele im Innern seines großen Reiches. Was den größten Ruhm der hochragenden historischen Gestalt, aus der Blütezeit des Israelitenvolkes, begründet, hat sich auch in dem Leben und Wirken eines anerkannten Friedensfürsten unserer Tage aufs Glänzendste bekundet. Wie ist es um den Thron, den unser erhabener Kaiser und König seit seinem achtzehnten Lebensjahre einnimmt, bestellt?! An seinen Stufen sind Elemente, die eine Neigung, sich mit einander zu vertragen, vermissen lassen. Völker und Stämme, Konfessionen und Menschenklassen aller Art haben hier ihre Plätze, die mannigfachsten nationalen, religiösen, kulturellen und sozialen Gegensätze stehen einander gegenüber, was hält sie im Banne, worin liegt die Kraft, die sie vereinigt und viele Sonderinteressen dem Gemeinwohle, der Existenz und dem Gedeihen des Staates unterzuordnen bestimmt? In der Majestät des gemeinsamen Herrschers, dessen väterliches Wohlwollen allen, ohne Unterschied, zugewendet ist, in der Güte und Gerechtigkeit des Monarchen, der über das Getriebe der unheilvollen politischen, konfessionellen und sozialen Erbärmlichkeiten, die die Gesellschaft zerklüften, hoch erhaben, liegt das Geheimnis; der Aufblick zum Throne hält sie im Banne. Zu der Höhe, wo sich der Geist der Staatsgrundgesetze offenbart, indem Güte und Milde, das Rohe und Wilde bezwingend, den Friedlichen und den Schwachen beisteht, blicken die moralisch Zurechnungsfähigen aller Klassen und Stände in Ehrfurcht empor. Das von dort aus gegebene Beispiel einer uneingeschränkten, tiefen Menschlichkeit wirkt auf die verschiedenen Gesellschaftskreise, je nach Umständen und Ver-