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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1908-11-01 · 11 (11.1908) · p. Seite 10

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
20 (1908)
Issue
11 (11.1908)
Date
1908-11-01
Page
Seite 10 (sequence 15)
Language
German
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10 laut glücklich gerechtfertigt, und die pedantischen und trockeien Kommentatoren konnten ein dichterisches Gleichnis nur durch eine neue Dichtung überwinden. Eine Legende entstand, die in einer schier grandiosen Weise den orientalischen Despotismus symbolisierte und den zitternden Gehorsam der geknechteten Untertanen. Paul Ernst könnte auf diese Erzählung als ein Beispiel für die Entstehung der Novelle verweisen, und noch mehr kommt hier der Historiker und Yölkerpsychologe auf seine Rechnung. Denn, um es noch einmal aus/.uprechen, jenes ängstliche Anklammern an den Buchstaben war dazu bestimmt, dem vordringenden Christentum und seiner symbolischen Ausdeutung der Bibel einen Riegel vorzuschieben. Dieser welthistorische Kampf hat viel Blut und Tränen gekostet und zeitigte grosse Gedanken, und zwischen hindurch erblühte da und dort am Weg eine anmutige Blume. Die grossartigste und tief wahrste aller Moseslegenden ist jene, die von dem schweren und widerwilligen Sterben des Propheten zu erzählen weiss. Als Gott ihm den Abschluss seiner Laufbahn verkündet, da fängt er an, zu beschwören, zu drohen und um sein Leben zu flehen und ein Gebet so voll magischer Kraft anzustimmen, dass alle Himmel wanken und Gott den Engeln befehlen muss, das Gebet des Moses nicht zu erhören und nicht vor seinen Thron zu bringen. Der Hinweis, dass selbst Abraham und Adam sterben mussten, vermag den Lebeni>gierigen nicht zu überzeugen. Er, Moses, wäre ein viel Grösserer denn Adam. Die Schlange vermochte Adam zu verführen, während dagegen er in der Wüste jene eherne Schlange errichtet hatte, deren Anblick alle vom Schlangenbiss Verwundeten wieder heilte. Darum darf der Stammvater der Menschen mit ihm nicht verglichen werden. Adam konnte dem Tod verfallen, nicht aber Moses, der treue Knecht des Herrn und Führer des Volkes in der Wüste. Und sogar Abraham, der von Gott Berufene, hatte kein Recht auf ewiges Leben; denn aus seinen Lenden war nicht nur Isaak hervorgegangen, sondern auch Ismael, der Ahnherr jener Nomaden, die zu den Feinden Gottes und Israels gehörten. Kurz also: der Prophet will nicht sterben und bäumt sich titanisch gegen den Ratsehluss Jehovahs auf. Schliesslich will er sogar aller Führerschaft entsagen und dem Josua, seinem vorbestimmten Nachfolger, Knechtesdienste erweisen, um nur noch weiter in der Sonne atmen zu dürfen. Zuletzt findet jedoch Jehovah, der sich nicht erweichen lässt, ein Mittel, ihm das vorbestimmte Sterben zu erleichtern. Den Propheten verlässt plötzlich seine Weisheit, und als nun Josua den Priesterstuhl freiwillig wieder räumt, und das Volk, wie bisher noch stets, von Moses die Ausdeutung des Gesetzes verlangt, da muss dieser bekennen: „Ich weiss nicht, wovon ihr sprecht". Er strauchelte, so heisst es im Midrasch, und fiel hin, und von dieser Stunde ab sehnte er sich nach dem Tod, weil er erkannte, dass seine Weisheit auf seinen Erben Josua übergegangen wäre.

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