Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1908-11-01 · 11 (11.1908) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
20 (1908)
Issue
11 (11.1908)
Date
1908-11-01
Page
Seite 9 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9756662-9603886-9604221--2082-9604232
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

9 seine Erstgeburt schlug". Es ist sehr klar, wie dieser Vers verstanden werden muss. Dadurch, dass alle Erstgeburt in Egypten starb — die zehnte Plage der Bibel — wurde selbstverständlich das ganze Land auf das Schwerste getroffen. Wir haben hier eine metaphorische Ausdrucksweise vor uns, wie sie der gehobenen Sprache der Psalmen geziemte. Aber zugleich ist diese dichterische Umschreibung doch von vollkommener Deutlichkeit, und es dürfte kein Unbefangener auf den Gedanken kommen, dass eine solche Psalmstelle für scharfsinnige Talmudisten ein Stein des Anstosses werden könnte. Nur gab es einmal bei den rabbinischen Juden eine Epoche, wo jede bildliche Ausdrucksweise in der Bibel mit Misstrauen angesehen und nach Kräften ausgemerzt wurde. Die judenchristlichen Gnostiker hatten ihr Zerstörungswerk am Alten Testament begonnen, indem sie alles und jedes in einem bildlichen Sinn ausdeuteten, um auf diese Weise ihre neuen und umstürzenden Ansichten im Munde der Erzväter wiederzufinden. Die konservative, christenfeindliche Partei der Rabbinen parierte den Schlag, indem sie die bildliche Auslegungsweise strikt verschmähte und ihrerseits die buchstäbliche Auffassung des Bibeltextes in einer Weise überspannte, dass darunter auch die Gleichnisse der Dichter und ein gehobener poetischer Stil schwer genug zu leiden hatten. Jener Vers im 136. Psalm sollte also nicht im gleichnishaften, sondern im wörtlichen Sinn genomrnen werden. „Egypten durch seine Erstgeburt geschlagen" — das sollte bedeuten, dass die Erstgeborenen unter den Egyptern zum Schwert griffen und ihr Land schlugen. Nicht sie wurden getroffen, sondern sie trafen selbst, und dadurch wurde die Erzählung der Bibel völlig auf den Kopf gestellt, und es musste eine neue Legende erfunden werden, die jener buchstäblichen Auffassung besser entsprach. Moses, so lautet die Sage bei den rabbinischen Autoren, kündete den Erstgeborenen an, dass sie durch den ZornJehovahs sterben müssten, wenn der Pharao die Kinder Israel nicht entlasse. Voll Schreck gingen darauf diese Erstgeborenen zu ihren Vätern und sprachen zu ihnen: „Ihr wisst, dass alle Plagen, die Moses vorausgesagt hat, eingetroffen sind, und eben hat er uns gesagt: jeder Erstgeborene im Lande Egypten wird sterben." Darüber erschraken die Väter bitter und schickten die Söhne zum Pharao. Diesen baten die Söhne: „Entlasse dieses Volk, denn sonst stirbt jeder Erstgeborene in Egypten." Ueber die kühne Rede ergrimmte der Pharao und er sprach in Wut zu seinen Knechten: „Wer hat euch gesagt, dass ihr zu mir kommen und mit mir reden sollt?" Und als er die Antwort gehört hatte, befahl er ihnen: „Geht, und es bringe ein jeder seinen Vater um." Darauf gingen die Erstgeborenen Egyptens, und jeder nahm das Schwert auf Befehl des Pharao und tötete seinen Vater, und so wurde „Egypten geschlagen durch seine Erstgeburt". Und so war jene Psalmstelle tatsächlich erklärt, nach ihrem strengen Wort-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.