Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 11 (11.1908)
- Date
- 1908-11-01
- Page
- Seite 7 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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hat, um durch historische Hinweise und Parallelen dem grossen Publikum den Zugang zu dieser unterirdischen Stadt beträchtlich zu erleichtern. Er mag es mir und anderen Laien nicht verargen, wenn wir für unsere Zwecke zur Selbsthilfe greifen. Die Hauptrolle in den Legenden spielt natürlich der Nationalheld, der gewaltige Erlöser und Befreier Moses. Wir kennen alle heute jene Hypothese einer fortgeschrittenen Bibelkritik, die den bethlehemitischen Kindermord, der bei der Geburt Jesu begangen wurde, als eine Nach- und Umdichtung jenes von Pharao befohlenen Mordes betrachtet, der das Leben des Moses schon in der Wiege gefährdete. In der altjüdischen Legende findet sich eine Tradition, die diese Parallele zu noch viel grösserer und überraschenderer Deutlichkeit erhebt. Die Israeliten vermehrten sich und drohten durch ihre Volkszahl zu einer Gefahr für die Macht der Egypter zu werden und daher erliess Pharao den Befehl, die neugeborenen jüdischen Knaben im Nil zu ertränken. So lautet der monumentale und naive Bericht in der Bibel, der einer nachschafienden späteren Phantasie nicht mehr genügte. Darum spann der Midrasch in ausschmückender Weise diese Tradition fort und wusste zu erzählen, dass der Pharao einen Traum hatte, den ihm seine Sternkundigen dahin deuteten: es würde ein hebräischer Knabe geboren werden, der bestimmt wäre, die Macht der Egypter zu vernichten und den Pharao seiner Krone zu berauben. Um dieser Weissagung zuvorzukommen, befiehlt der Egypter den Kindermord, und er erscheint hier in ganz klarer Weise als Doppelgänger des Herodes, der ja gleichfalls einen künftigen König und Nebenbuhler treffen will und darum seine Henker gegen die Kinder von Bethlehem entsendet. Man könnte freilich meinen, dass diese jüdische Legende umgekehrt vom Neuen Testament beeinflusst wurde, da der Midrasch im Mittelalter entstand. Aber schon Josephus weiss eine ähnliche Sage zu berichten, die er seinerseits aus viel älteren jüdischhellenistischen Quellen geschöpft hat. Diese Tatsache beweist zweierlei: dass die Variation der Moses-Sage älter ist als der Bericht von der Geburt Jesu, so dass die Nachahmung offensichtlich vor Augen liegt; und zweitens wird uns offenbart, mit welcher Treue und Zähigkeit der Midrasch des Mittelalters uralte Legenden festzuhalten verstand. Der Knabe Moses wird von der Tochter des Pharao, die kinderlos ist, im Nil gefunden und sie nimmt ihn an Sohnes Statt, und es gibt sogar eine Erzählung, dass er die egyptische Krone erben sollte. Der Pharao selbst hat sich, wenn auch mit Widerwillen, den Wünschen der Tochter gefügt, bis sich dann im dritten Lebensjahre des Kindes ein Vorfall ereignet, der an die unheilvolle alte Prophezeiung sehr zur Unzeit wieder erinnert. Pharao sass am Tisch, um zu speisen, so erzählt die Legende. Seine Fürsten und Diener sassen vor ihm, seine Tochter zu seiner