Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 11 (11.1908)
- Date
- 1908-11-01
- Page
- Seite 2 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Sigmund Mayer und unseren Vizepräsidenten Herrn kaiserlichen Rat Wilhelm A n n i n g e r als unsere Delegierten und ersuchten, gleichzeitig mit diesen Herren auch das Präsidium des Kultusvorstandes zur nächsten Sitzung einzuladen. Am 12. November fanden sich der Präsident der Kultusgemeinde, Herr Dr. Alfred Stern, und unsere obengenannten Delegierten in der Sitzung des engeren Exekutivkomitees ein. Hier erklärte nun Herr Dr. Alfred Stern auf den von unserem Präsidenten vorgebrachten Wunsch, es möge das ihm bekanntgegebene Programm innerhalb einer wenn auch länger befristeten Zeit im Plenum des Kultusvorstandes zur Diskussion gestellt werden, folgendes: „Gegenüber der Forderung, dass der Kultusvorstand das aufgestellte Programm innerhalb einer befristeten Zeit diskutieren soll, erkläre ich auf das Bestimmteste: Ich werde es niemals zugeben, dass ein von einem Wahlkomitee oder von einem Vereine, und wäre er auch so hervorragend wie es die „Union"' ist, vorgelegtes Programm vom Vorstande auch nur in Diskussion gezogen werde. Es steht jedermann frei, einzelne konkrete Anregungen imWege einer Petition vor den Vorstand zu bringen. Solche Anregungen werden immer in Beratung gezogen, aber ich dulde es nicht und muss mich ganz entschieden dagegen verwahren, dasseineReihesolcherVorschläge programmartig zusammengefasst und dem Vorstande vorgelegt werden. Ich werde auch gerade solchen Mitgliedern des Kultusvorstandes, die sich auf ein derartiges Programm haben verpflichten lassen, w e n i g e r Einfluss einräumen. Der Präsident der Wiener Kultusgemeinde hat mit dieser Erklärung der jüdischen Wählerschaft in dezidiertester Weise das Recht abgesprochen, in programmatischer Form die Notwendigkeit von Reformen in der Kultusverfassung und Kultusverwaltung zu betonen, von den Kandidaten eine bestimmte Stellungnahme zu solchen Reformvorschlägen zu verlangen und auch nur den Wunsch nach einer Diskussion dieser Vorschläge innerhalb des Kultusvorstandes laut werden zu lassen. Obwohl unsere Delegierten wiederholt versicherten, dass sie nicht die Annahme auch nur eines einzigen Programmpunktes, sondern nur die Zusage einer späteren Diskussion verlangen, blieb der Herr Präsident starr auf seinem ablehnenden Standpunkte. Diese Haltung des Präsidenten der Kultusgemeinde steht in krassem Widerspruche mit dem repräsentativen System, das unserer Gemeinde zugrunde liegt, und sie proklamiert ein autokratisches Regime, gegen dessen Etablierung und Handhabung die Delegierten der „Union" zunächst nur in der Form protestieren konnten, dass sie den Eintritt in das von Herrn Dr. Alfred Stern berufene offizielle Wahlkomitee ablehnten und sich zurückzogen.