Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1908-10-01 · 10 (10.1908) · p. Seite 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
20 (1908)
Issue
10 (10.1908)
Date
1908-10-01
Page
Seite 22 (sequence 25)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9756662-9603886-9604184--2057-9604208
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

22 gemäss immer undeutlicher werden. Zeugen gegenüber, die mit solcher Sicherheit sich angeblich genau der kleinsten Einzelheit entsinnen können, ist stets die allergrösste Vorsicht geboten. HelSlngforS. (Antisemitismus in Finnland.) Ein Vorspiel zu der Beratung der Judenfrage im gegenwärtigen Landtag liefert der finnische Handelsstand, der nach einem soeben gefassten Beschluss an den Senat das Gesuch richten wird, eine gründliche Prüfung der Frage ins Werk zu setzen. Die in Finnland lebenden Juden sind bekanntlich so gut wie recht- und heimatslos, indem sie zum Verweilen im Lande eine Aufenthaltskarte lösen müssen, die immer nur auf sechs Monate gilt und deren Verlängerung von dem guten Willen der finnischen Regierungsbehörden abhängt. Sie haben weder Politische noch kommunale Rechte. Es dürfen nicht einmal die jüdischen Kinder die staatlichen Schulen besuchen. Die Ständelandtage verhielten sich gegen alle Anträge ablehnend, die eine Verbesserung der Lage der Juden bezweckten, doch liegt nun dem jetzigen Landtag ein Gesetzentwurf vor, der eine völlige Gleichberechtigung der Juden mit der übrigen Bevölkerung anstrebt. Dagegen richtet sich das erwähnte Gesuch des Handelsstandes, der geltend macht, dass die Verleihung aller Rechte an Juden die wirtschaftliche Lage Finnlands ungünstig beeinflussen würde. Wie die Handels-, Industrie- und Handwerkerkreise Finnlands in der Judenfrage denken, zeigte sich bereits in einer im Frühjahr veranstalteten und aus dem ganzen Grossfürstentum beschickten Versammlung, die sich einstimmig dahin aussprach, das finnische Volk sei noch nicht stark genug, um den Wettbewerb mit den Juden zu ertragen. Berücksichtigt man, dass die Anzahl der in Finnland lebenden Juden nur etwa tausend beträgt, so legt die finnische Geschäftswelt gerade kein sonderliches Vertrauen auf ihre Tüchtigkeit an den Tag. Selbst die liberale Art, mit der die finnischen Regierungsbehörden in den letzten Jahren die altertümlichen Bestimmungen zur Anwendung brachten, haben den Zorn der Erwerbskreise erregt, und erst kürzlich kam der Fall vor, dass sich ein Schneider bei dem Gouverneur über die einigen Juden bewilligte Verlängerung des Aufenthaltes am Orte beschwerte. In einem Lande, das mit allen Kräften für Erhaltung seiner Rechte kämpft, macht diese Sucht zur Unterdrückung der Juden einen eigentümlichen Eindruck. Lissabon. (Ausschreitungen gegen die Juden.) Grosse Ausschreitungen wurden in Lissabon während der Bestattung eines israelitischen Kaufmannes namens Paul C a g y begangen. Man bewart den Leichenwagen auf dem Wege von der Synagoge nach dem Friedhofe mit Steinen und schlug auf die Leichenträger mit Stöcken ein. Der Sarg wurde in dem Gedränge zu Boden geworfen. Nur mit Mühe machte die Polizei dem Auftritte ein Ende. Mehr als zwanzig Juden wurden verletzt, darunter neun schwer. Bukarest (Ein antisemitischer Prozess.) Vor einigen Monaten ist vom Jassyer Schwurgericht ein Prozess vertagt worden, der grosses Aufsehen gemacht und den dortigen Antisemiten oder Nationalliberalen, wie sie sich hierzulande nennen, Anlass gegeben hat, ihren auch anständigen rumänischen Politikern unleidlich gewordenen Terrorismus zu entfalten. Der Tatbestand des Pozesses ist folgender: Die Stadt Jassy besitzt ein chemisches Institut. Dessen Direktor ist Herr Schumuleanu, der gleichzeitig Mitglied des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.