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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1908-10-01 · 10 (10.1908) · p. Seite 21

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
20 (1908)
Issue
10 (10.1908)
Date
1908-10-01
Page
Seite 21 (sequence 24)
Language
German
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21 begriffene Kuratorium entsendet. Selbstverständlich kann eine solche Zentralstelle ihrer Aufgabe nur dann vollkommen gerecht werden, wenn alle oder wenigstens die meisten hier in Frage kommenden Interessenten sich dem gemeinnützigen Werke anschliessen und es zum gegenseitigen Vorteile tatkräftig unterstützen. Anmeldungen zum Beitritte werden in der Kanzlei der Zentralstelle für das jüdische Armenwesen, I., Seitenstettengasse 2, jederzeit gerne entgegengenommen und alle näheren Mitteilungen dort bereitwilligst abgegeben. Lemberg. (Russisches aus Galizien) Dass die galizischen Behörden sich bemühen, in ihrer Politik den Juden gegenüber russische Muster nachzuahmen, ist seit langem bekannt. Wie geschickt sie praktisch die hier nichtvoihandenen russischen Judengesetze zu ersetzen wissen, zeigt das Verhalten gewisser Schuldirektoren. Obwohl die berüchtigte Resolution Schmid im österreichischen Reichsrat bekanntlich abgelehnt wurde, die, ganz wie in Russland, die Juden zu den mittleren und höheren Schulen nur nach einer bestimmten prozentualen Norm zulassen wollte, führen diese Direktoren den Willen des Herrn Schmid und seiner Gesinnungsgenossen praktisch aus, indem sie jüdischen Eltern, die ihre Kinder an dem betreffenden Gymnasium oder der Mittelschule usw. unterbringen wollen, mit bedauerndem Achselzucken die Antwort geben, die Anstalt sei bereits überfüllt. Und da helfen weder Bitten noch Proteste. Wenn der Herr Direktor sagt, dass die Anstalt überfüllt ist, dann ist sie eben überfüllt, — auch wenn hinterher noch eine ganze Anzahl christlicher Schüler aufgenommen wird! Dieses Schauspiel wiederholt sich in einer Reihe von Anstalten Jahr für Jabr, und die jüdischen Eltern müssen von einer Schule zur andern wandern, um ihie Kinder irgendwo unterzubringen. Auf diese höchst einfache Art ersetzt man in Galizieu die nichtvorhandenen antisemitischen Gesetze. Berlin. (Di e Psychol ogie der Aussage und die Ritualmordprozesse.) Der preussisehe Medizinal-Beamtenverein hielt seine diesjährige Hauptversammlung in den Tagen vom 28. bis 30. Septem in Berlin ab. U. a. hielt Professor Dr. Lochte, Kreisarzt in GöttingeD, einen interessanten Vortrag über die Psychologie der Auesage, der auch viele richterliche Personen angelockt hatte. Der Redner kam an der Hand eines reichen Materials und logischer Erwägungen zu dem Schlüsse, dass der Richter bei der Vernehmung von Zeugen grosse Vorsicht walten lassen muss, denn sehr viele Zeugen lassen sich von allerlei äusseren Momenten beeinflussen. Der Redner erinnerte dabei an die verschiedenen Ritualmord p r o z e s s e und andere Gerichtsverhandlungen, bei denen der antisemitische Fanatismus eine Rolle gespielt hat. Er gedachte des Tisza- Eszlarer Ritualmordprozesses vor dem südungarischen Kreisgericht Nyiregyhaza im Mai und Juni 1883, der Fälle in Xanten 1891/92 und in Polna 1899. In allen diesen Fällen haben sich in der Vorstellung der Zeugen die Tatsachen immer plastischer gestaltet. Die Zeugen sagten immer sicherer aus, je länger die Tatsachen zurücklagen. Normalerweise verblasst aber doch gerade im Gegenteil die Erinnerung, und die Aussage muss natur-

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