Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 10 (10.1908)
- Date
- 1908-10-01
- Page
- Seite 5 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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5 man sagen, dass die Chancen der Juden günstig sind, zumal sie bis auf die 7500 jüdischen Kolonisten in Palästina fast ausschliesslich Städtebewohner sind. Es ist klar, dass noch lange Zeit vergehen wird, bis das flache Land in der Türkei sich für Parlamentswahlen interessieren wird, und auch dann wird das landwirtschaftliche Element sich vorwiegend durch Städter vertreten lassen. Fällt nun der städtische Charakter der Juden schon überall stark ins Gewicht, um wieviel mehr dann in einem Lande, das, wie das Ottomanische Reich, ein fast absoluter Agrikulturstaat ist. Ausserdem fällt die höhere Bildung der Juden im türkischen Eeiche besonders ins Gewicht. Die Schulen der „Alliance Israelite" und neuerdings auch des „HilfsVereins der deutschen Juden" bieten eine höhere und jedenfalls europäischere Ausbildung als die grosse Masse der landesüblichen Schulen, soweit sie überhaupt den Namen Schulen verdienen, und in der jetzigen Zeit einer Europäisierung des Osmanenreiches muss dies die Chancen der Juden sehr günstig beeinflussen. Man kann also annehmen, dass die Juden in den ersten türkischen Parlamenten verhältnismässig zahlreich vertreten sein werden. Bleibt die Frage der voraussichtlichen Parteistellung der Juden. Die Türkei ist ein vielfach sehr komplizierter Nationalitätenstaat, und die Politik des neuen Regimes muss darauf ausgehen, allen ihren Völkerschaften und religiösen Gruppierungen gerecht zu werden. Gerecht, d. h. Wahrung der berechtigten Interessen und Eigenwünsche jeder noch so kleinen geschlossenen Minorität innerhalb der unantastbaren Reichseinheit. Diese Wahrung der Minoritätsrechte wird voraussichtlich über kurz oder lang zu weitgehenden Selbstverwaltungs-Privilegien von Provinzen, Distrikten und selbst kleinen Ortschaften führen. Auf diese Weise werden auch die Juden zu einer Selbstverwaltung gelangen, die ihrer Gruppierung im Reiche entspricht und diejenigen jüdischen Bestrebungen, z. B. die auf eine Neubesiedelung Palästinas hinauslaufen, können unter diesen Umständen wohl darauf rechnen, dass ein der Mehrzahl nach von Juden bewohntes Palästina einmal als eine jüdische Provinz des türkischen Reiches figurieren wird. Schon heute ist, wie wir oben gesehen haben, Palästina ein jüdisches Konzentrationsland sowohl für die Judenheit Osteuropas wie auch für die der Türkei, und diese Tatsache wird das Erstarken des jüdischen Natiorialgedankeiis sicherlich befördern, so dass die jüdischen Parlamentsmitglieder auch einen positiven Anlass haben werden, als Juden zusammenzustehen. Negative Anlässe haben sie ja ohnehin: Das ganze ottomanische Parlament wird aus nationalen Gruppen bestehen, deren keine einen Juden in ihrer Mitte haben wird. — Fürs erste wird es freilich kaum im türkischen Parlamente zur Aufrollung der Judenfrage und damit zu einem Zusammenschluss der jüdischen Vertreter kommen. Sicher ist dagegen, dass die jüdischen Abgeordneten eine Hauptstütze des ottomanischen