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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1908-08-01 · 8/9 (August/September 1908) · p. Seite 9

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
20 (1908)
Issue
8/9 (August/September 1908)
Date
1908-08-01
Page
Seite 9 (sequence 14)
Language
German
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9 riefen sie in deutscher Sprache und streckten ihre Hände aus. Das war der erste brüderliche Willkommgruss im ältesten Ghetto von Europa. „Wollen Sie sehen die Schul, „la scuola, il templo?" trugen sie dann in einem Gemisch von deutsch und italienisch. „Ecco il levantino!" Sie wiesen hiebei auf ein schmales, düsteres Gebäude ohne äusserlichen Reiz, das an der Ecke des Gässchens stand und mit demselben ein Rechteck bildete. Am Eingange stand ein uniformierter Funktionär mit einem Spitzhut und einer an einer Halskette hängenden silbernen ßrustplatte, welche die Aufschrift „Portiere" trug. Diese glitzernde Dekoration erinnerte unwillkürlich an den gelben Fleck des Mittelalters. Ich ging die Treppen hinan, stiess eine Schwingtüre auf und befand mich in einer nicht allzu geräumigen, halb beleuchteten Synagoge. Die Versammlung war für einen Sabbath-Morgengottesdienst recht spärlich, und der Kontrast zwischen den weissen Seidentallis und den dunkeln Eichenholzbänken machte den eigentümlichen Eindruck, den die Betenden übten, nur noch fühlbarer. Der Kantor las mit näselnder Stimme und in raschem Tempo auf dem geräumigen Almemmor, das am obersten Ende der Synagoge stand, die Thora, während ein junger Mann mit olivenbraunem Gesicht und einem Fez auf dem Haupte neben ihm stand. Der grössere Teil der Versammlung trug zum Zeichen seiner levantinischen Abstammung das Fez, was übrigens auch im Rituale zum Ausdruck kam. Hingegen verriet der wohlgenährte Schammes mit seiner dicken Halskette, der die Anwesenden zu einer „Alijah" einlud, nichts von einem Levantiner. Die silberne Brustplatte trug die Inschrift „Nunzio". Die Frauengalerie befand sich in einem unerreichbaren Abstände von der Männerabteilung und verbarg die Töchter Israels in so erfolgreicher Weise, wie ich es in westeuropäischen Synagogen bis dahin niemals gesehen habe. Die Zeit verstrich, und da ich noch andere Synagogen aufsuchen wollte, zog ich mich in aller Stille zurück. Mit mir verliessen auch einige Gemeindemitglieder das Gotteshaus. Die drei Bettler hatten geduldig auf mich gewartet und hatten inzwischen wahrscheinlich die zu erwartende Gabe untereinander aufgeteilt. Sie begleiteten mich zu weiteren drei Synagogen, die alle durch ihr einfaches Aeussere und desto schmuckvolleres Innere und die Spärlichkeit der Anwesenden auffielen. Mit einem gewissen Nationalstolz führten mich die drei Bettler nun in die deutsche Synagoge — la scuola tedesca. Sie ist im neuen Ghetto gelegen, das den offiziellen Titel „Ghetto Nuovo" führt und vom alten Ghetto durch einen kleinen Kanal getrennt ist, über welchen die „Ponte di Ghetto Vecchio" führt. Neu ist an diesem Ghetto nichts als der Name. Es ist ebenso düster und schmutzig als jenes und beherbergt ebenso wenig oder

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