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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1908-08-01 · 8/9 (August/September 1908) · p. Seite 8

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
20 (1908)
Issue
8/9 (August/September 1908)
Date
1908-08-01
Page
Seite 8 (sequence 13)
Language
German
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löste der illustre Exulant, Staatsmann und Bibelerklärer Don Isaak Abarbanel das Problem der Beziehungen zwischen Venedig und Portugal und von hier aus versah noch vor einem Jahrhundert eine geschäftige Druckerpresse ein ganzes Heer bedrückter Judengemeinden mit jüdischen Büchern. Eines schönen Morgens bestieg ich neben der alten Rialto- Brücke den Dampfer, der mich über den im Sonnenglanz schimmernden Kanal fahren sollte. Wir glitten an den Palästen dahin, von Zeit zu Zeit neue Passagiere aufnehmend, bis endlich an der Mündung des breitesten Zuflusses zum Kanal Cannareggio, unser Bootsmann mit weinender Stimme ausrief: „San Jeremia!" Wir kamen dem alten Ghetto näher. Das erste, was mein Auge traf, war eine heiligenähnliche Statue von grauem Stein auf einem Piedestal, die die Szene unter ihr mit nachdenklicher Traurigkeit betrachtet. Sollte dies die Gestalt Jeremias darstellen? Und warum wurde der Prophet der Klagelieder an der Schwelle des Ghetto aufgestellt? Als ich jedoch genauer hinsah, bemerkte ich, dass die Steinfigur ein Kreuz in der Hand hielt und ihr Haupt mit einer eisernen Krone versehen war, die fünf Sterne im Kreise trug. Es waren dies keine gewöhnlichen Sterne, sondern kleine jüdische Embleme, Davidschildchen, die eigentlich Dornen darstellen sollten. Als ich diese Statue mit der Dornenkrone betrachtete, konnte ich nicht umhin, daran zu denken, dass die Ironie irgend eines dahingeschiedenen Prälaten sie zum „Wächter des Ghetto" an dessen Eingang gestellt haben mochte. Das Ghetto-Tor ist schon längst spurlos verschwunden. An der Kirche des „San Geremia" vorbei, die Brücke über den Cannareggio übersetzend gelangte ich an eine lange Häuserreihe, die die Grenze des alten Ghettos bildete. ' Aus den meisten Fenstern hingen Schürzen, Hemden und verschiedene Wäsche in allen Farben, die zum Trocknen ausgehängt waren. Um einen Kesselofen, auf dem grosse Kartoffeln sotten, standen einige Menschen, die mich auf mein Befragen hin in eine lange, enge und finstere Strasse wiesen. In der Strasse war es still, man sah wenig Menschen auf der Strasse, nur hie und da drang aus dem Fenster eine liebliche Mädchenstimme, die ein Liedchen trillerte. Ich suchte nach einem äusseren Zeichen jüdischen Lebens und wollte schon die Hoffnung aufgeben, ein solches zu finden, als ich vor ein kleines Kestaurant kam, in dessen Fenster eigenartig aussehende Fleischspeisen ausgestellt waren. Im Fenster hing ein Zettel, der mit hebräischen Lettern die Inschrift „Koscher" trug. Es war ein niedriges, düsteres Gewölbe, das wohl nicht so schmutzig, aber auch nicht so belebt war, wie ich sie mitunter in den engen Judengassen von Krakau gesehen habe. Das einzig lebende Wesen war ein Mädchen, das sich gerade gelangweilt im Spiegel besah. Einige Schritte weiter wurde ich von drei elend aussehenden Bettlern angesprochen. Ihr Alter rangierte zwischen 20 und 50 Jahren. „Arme Juden\li

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