Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 8/9 (August/September 1908)
- Date
- 1908-08-01
- Page
- Seite 10 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9756662-9603886-9604145--2007-9604159- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
10 noch weniger Juden als das alte Ghetto. Es bildet ein unregelmässiges Viereck, in dessen Mitte drei ausser Benützung stehende Brunnen stehen, das von finsteren, hohen Gebäuden umrahmt ist, von deren Fenstern die unerlässliche Trockenwäsche flattert. Ein kurzer Steinpfeiler, den die Buben zum Bockspringen verwenden, trägt das Datum 19. Oktober 1866 und eine Huldigungsinschrift für „Vittorio Emanuele Re d'Italia". Die Architektur der deutsehen Synagoge unterscheidet sich von ihren anderen venezianischen Kolleginnen nur durch ihre weitestgehende Einfachheit. Es ist ganz gut möglich, dass jemand das neue Ghetto besucht und die Existenz des Gotteshauses gar nicht gewahr wird, denn den Eingang in dasselbe bildet eine genau so einfache Pforte, wie sie fast alle gewöhnlichen Wohnhäuser aufweisen. Aber dem geübten Beobachter wird der weisse Fleck hoch oben an der schmutzigbraunen Fassade, gerade unter dem mittleren der fünf Fenster nicht entgehen, auf welchem die hebräischen Worte zu lesen sind: „Secher lechurban". („Zum Andenken an die Zerstörung.") Mit dieser Inschrift soll weder die Zerstörung des Ghettos, noch der jüdischen Gemeinde in Venedig, sondern die Zerstörung des heiligen Tempels in Jerusalem in Erinnerung gebracht werden . . . „Venge, Venge!" rief mir meine zerlumpte Begleitung zu* Wetteifernd bemühten sie sich, mich durch die Eingangstüre in die Synagoge zu bringen, wobei sie die Hände ausstreckend wiederholt murmelten: „Arme Juden!" Einige Jungen waren herangekommen, produzierten einige Purzelbäume, als wollten sie sagen, dass sie für das angesprochene Almosen wenigstens etwas „leisten". Meine Eskorte hieb auf sie ein, unterdessen verschwand ich im Tore, stieg einige Treppen aufwärts und befand mich in dem Bethause. Obgleich ziemlich klein, verriet das Innere der Synagoge doch eine gewisse künstlerische Schönheit, die aber angesichts dieser eiligen, ruhelosen, die Gebete rasch abhaspelnden „Andächtigen", die zum grössten Teile aus jungen Leuten bestanden, nicht recht zum Bewusstsein zu kommen vermag. Der Kantor sang noch die Keduschah und schon warf alles die Tallesim von sich und selbst der fettleibige „Gabbe" verliess, von seinen drei jungen Söhnen umgeben, seinen Freunden die Hände schüttelnd, die Synagoge. Als ich aus der Synagoge kam, schlug wieder der traurige Chor meiner drei Begleiter „Arme Juden!" an mein Ohr. Bei einem Hause, das auf der entgegengesetzten Seite des Platzes stand, machten sie Halt. Es war das Asyl für alte Frauen. Eine nette junge Frau zeigte mir die Einrichtung des Hauses, welches sechs grauhaarige Matronen mit zufrieden resignierten Gesichtszügen beherbergte. Der kleine Krankensaal war leer. „Tutte bene" (alles gesund), meinte die Wärterin mit fröhlicher Stimme. Dann