Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 8/9 (August/September 1908)
- Date
- 1908-08-01
- Page
- Seite 5 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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5 Der national gesinnte Teil der Antisemiten macht ein anderes Kunststück. Er leugnet die jüdische Herkunft Christi und erklärt Jesus für einen Arier! Welch ein Unsinn! Der Beginn des Neuen Testaments will die Abstammung Christi aus davidischem, d. i. doch wohl jüdischem Hause erweisen, wobei mehr als ein halbes Hundert „Erzjuden" und verschiedene Jüdinnen aus dem „sogenannten A. T." als Ahnen und Ahnfrauen Christi erwähnt werden; ja als Mutter Christi wird dort die Jüdin Maria (Mirjam) angeführt und von dieser selbst (Luc. 2, 48) der Jude Joseph Vater Jesu genannt; das N. T. lässt gegen Schluss (Offenb. 22, 16) Jesus als „Wurzel und Stamm Davids" erscheinen; die davidische Abstammung Jesu bildet sonach das „Alpha und Omega" des N. T.; die Kritik bezweifelt zwar die davidische Abstammung — ob mit Recht oder nicht, kann hier füglich unerörtert bleiben, die jüdische Abstammung Christi aber kann keine Kritik anfechten! Es ist daher vergebliches Beginnen, wenn Antisemiten, z. B. Theodor Fritsch, Christus zum Arier machen, oder die „Ostdeutsche Rundschau" (9. Juli 1896) schrieb: „Es ist nicht im Entferntesten bewiesen, dass Christus auch wirklich jüdischer Abstammung gewesen sein muss. Abgesehen davon, dass Christus rotblond und blauäugig und sein Vater ein Zimmermann war, also ein Handwerk betrieb, welches erwiesenermassen ein Jude noch nie (!!) ausgeübt hat, so wird dieser Gegenbeweis durch die jüngsten Ergebnisse der Forschung bestärkt, dass mindestens schon 1500 v. Chr. eine blondhaarige und blauäugige Rasse nach Palästina einwanderte und seitdem dort neben dem dunklen Rassengepräge des Orients hauste. Und gibt man auch zu, dass mütterlicherseits (!!) eine hebräische Trübung des germanischen (!!) Blutes erfolgt sein könnte, dann liesse sich immer noch H. W. Hoffmeisters Bemerkung ins Feld führen, dass wie Christus — nach jüdischer Trübung durch das Hebräerblut seiner Mutter — in eigener Person zu seinem deutschen Blute zurückgekehrt, so auch das Christentum zu seiner germanischen Heimat zurückgewandert sei. An den Früchten, die der christliche Geist gerade unter die Deutschen — natürlich vom Klerikalismus abgesehen, welcher im Gegensatze zu wahrem christlichen Geiste noch immer im jüdischen Boden des Alten Testaments wurzelt — get agen hat, erkennt man, dass der Sozialismus Christi ein deutscher und keineswegs ein jüdischer war." Aber es gibt noch konsequentere Antisemiten. „Arier," ist ein weiter Begriff und der Nationalstolz ist nicht genügend befriedigt. Flugs sagen einige Antisemiten: Christus ist ein Germane. So hat es A h 1 w a r d t ausgesprochen (1895). Ein Geh. Regierungsrat E. v. S e 1 c h o w-R u d n i k hat 1896 eine Schrift über den Antrag Kanitz veröffentlicht (Berlin, Puttkammer und Mühlbrecht) in der er Christus nennt „das zur Wirklichkeitsgestaltung seines Traumhelden Odin gewordene Gottesebenbild". Und im antisemitischen „Deutschen Generalanzeiger" (13. Jänner 1895) war zu lesen: „Was die Hinweise auf die Geburt und das Erscheinen unseres Heilandes Jesu Christi betrifft, so sind solche auch in der Edda enthalten; denn dieselbe lässt u. a. an einer Stelle Wodan sagen: Der aber nach mir kommen wird, ist grösser als ich, doch wage ich nicht ihn zu nennen."