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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1908-08-01 · 8/9 (August/September 1908) · p. Seite 4

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
20 (1908)
Issue
8/9 (August/September 1908)
Date
1908-08-01
Page
Seite 4 (sequence 9)
Language
German
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4 Grund fort, als Jesus selber die Meinung, der Messias sei ein Abkömmling Davids, für einen unhaltbaren Aberglauben der Pharisäer gehalten habe (?). Es ist für Paul Haupt sehr wahrscheinlich, dass Jesus und seine Jünger jüdischer Rasse waren, sehr wahrscheinlich, dass die Galiläer Arier waren. Die nichtjüdische Abkunft Jesu habe schon der berühmte Jurist Ihering vor 40 Jahren behauptet mit den Worten: „Dem Boden seines Volkes ist Christi Lehre nicht entsprossen, das Christentum bezeichnet im Gegenteil eine Ueberwindung des Judentums, es steekt bereits bei seinem ersten Ursprung etwas vom Ariertum in ihm.u Diese Vermutung greift Haupt auf; er hat, wie er erzählt, bei einer Ueberfahrt über den Ozean in der Dampferbibliothek ein Buch gefunden, das ihm diesen Glauben suggeriert hat. Der Beweis, den er erbringt, hat denn auch etwas von amerikanischer Knotenpunktgesehwindigkeit an sich und zeigt die eilige Geburt während einer Dampferüberfahrt. Die Einwanderung arischer Kolonisten in Galiläa unter Tiglathpileser begann 16 Jahre vor Samarias Fall; sie waren nicht Griechen, sondern aus Medien und dem Südabhang des armenischeu Taurus, als Bogenschützen berühmt wie ihre Vorgänger. Haupt kommt zu dem Resultat: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Jesus ein Abkömmling Davids war, aber mindestens ebenso wahrscheinlich, dass er ein Nachkomme ist des von Sargon II. nach dem galiläischen Hamat zur Kolonisation gesandten medischen Fürsten — oder gar ein Nachkomme Zoroasters (!)." Diese kühnen „Behauptungen", vorgetragen mit einem in Formeln der Bescheidenheit sich hüllenden stattlichen Selbstbewusstsein, mit der lässigen Randbemerkung: Ich trage hier nur einen Teil meines Materials vor, andere Seiten des Themas werde ich auf den internationalen Kongressen in Kopenhagen und Oxford entwickeln, reizten, wie wir dem Bericht des „B. T." entnehmen, zum Widerspruch. Haupt wurde zweimal von Professor Adolf Deissmann, dem neuen ausgezeichneten Berliner Neutestamentier, gründlich abgeführt. Deissmann will die Fage offen lassen, ob Jesus seinem Blut nach Jude war, die Frage sei (trotz der Erklärung des Paulus im Römerbrief) wissenschaftlich nicht zu erledigen. Aber seiner Religion nach war Jesus unzweifelhaft ein Jude, und das Christentum ist unzweifelhaft jüdischer Abkunft, Deissmann, unterstützt von dem Rostoeker Theologen Sellin, zerpflückte im einzelnen die auffallend dürftigen Argumente des Deutschamerikaners, und der Vorsitzende Geheimrat Sachau hatte Mühe, die streitenden Parteien durch liebenswürdigen Hinweis auf einige brauchbare allgemeine Gedanken in Haupts Vortrag zu besänftigen. Tatsache ist also jedenfalls, dass Herr Prof. Haupt für seine bizarre These auf dem glänzenden internationalen Historiker- Kongress keine Gläubigen fand; dafür wird ihm aber wahrscheinlich von antisemitischer Seite um so reichlicher Weihrauch gespendet werden. * * * Der religiös gesinnte Teil der Antisemiten hasst in den Juden die Mörder Christi, obschon es wahrscheinlich ist, dass die Römer einen ebenso grossen Teil der Schuld an seinem Tode trugen. Das Todesurteil hat der Arier Pilatus gesprochen.

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