Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 8/9 (August/September 1908)
- Date
- 1908-08-01
- Page
- Seite 3 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9756662-9603886-9604145--2000-9604152- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 zu, was jetzt in der Bukowina vorgeht. Dieses kleine Ländchen ist ein Abbild des grossen Oesterreich. Seine Bevölkerung zerfällt in vier Nationen und drei Konfessionen. Wenn irgendwo, so müssen gerade da nationale und konfessionelle Hetzereien die traurigsten Verheerungen anrichten. Aber die Regierung duldet nicht nur solche Hetzereien, dieselben vollziehen sich sogar unter der direkten Patronanz einzelner Minister. Der wirtschaftliche Boykott, die ökonomische Schädigung und Aushungerung ganzer Bevölkerungsklassen unter dem Vorwande nationaler Verteidigung ist ein allgemeines Kampfmittel geworden. Wie zweischneidig diese Waffe ist, lehrt wieder die Prager Affaire, denn in allen grossen österreichischen Eisenwerken sind fast ausschliesslich tschechische Arbeiter beschäftigt, denen also der tschechische Chauvinismus jetzt das Brot entzieht. Es vollzieht sich stetig eine Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft und jene Abschliessung der einzelnen Gruppen von einander, die der Oberste Gerichtshof als ein wirtschaftliches und soziales Unglück bezeichnet hat. Die Arier stehen gegen die Juden, die Tschechen gegen die Deutschen, die Agrarier gegen die Industriellen, aber alle zusammen wollen dabei einträgliche Geschäfte machen. Des Einen Tod soll des Andern Brot sein, und all diese innere Fäulnis, diese Atomisierung des Staates, diase gegenseitige Zerfleischung greift in einem Zeitpunkt um sich, in welchem selbst die Türkei sich zu neuer Kraft und Stärke aufrafft und ein geeintes, mächtiges Oesterreich notwendig wäre, um den Stürmen einer nahen Zukunft zu trotzen. Das jüdische Sprichwort erzählt von einem Narren, der sich über den Brand seines eigenen Hauses freute, weil dabei auch die Wanzen zugrunde gingen. Solcher Narren gibt es jetzt in Oesterreich viele. S. Fl. Jesus — ein Arier! Den Antisemiten ist ein grosses Heil widerfahren. Auf dem Internationalen Historiker-Kongress, der zurzeit in den Mauern Berlins tagt, hat ein Zunftgelehrter die profunde Entdeckung der Antisemiten, dass Christus gar kein Jude, sondern ein echter Arier sei. „wissenschaftlich" begründet. Prof. Paul Haupt von der Universität Baltimore, entwickelte nämlich in einem Vortrag über die Galiläer folgende Gedankengänge: „Jesus ist nicht in Bethlehem geboren wie die altchristliche Tradition aus dem Michaspruch herausgelesen hat, sondern in Nazareth. Die von dem ersten Evangelium erwähnte Steuereinschätzung, die den Anlass gab zu Josefs Reise nach Bethlehem, fand frühestens im Jahre 7, also 11 Jahre nach Christi Geburt, statt. Auch brauchte Maria den J^sef durchaus nicht zu begleiten. Wellhausen lässt darum seinen Text des eisten Evangeliums erst mit dem dritten Kapitel beginnen, bringt ihn also in Uebereinstimmung mit dem Markusevangelium und lässt die legendenhaften Geburtssagen und Kindheitsgeschichten mit um so mehr 1*