Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1908)
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 27 (sequence 30)
- Language
- German
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27 Unterkunft gewährt. Aus Bobrek sei sie ohne ihr Zutun und Wissen verschwunden. Die Verhandlung endete mit der Freisprechung aller Angeklagten, da die Geschwornen die Schuldfragen auf Entführung einer Person unter vierzehn Jahren verneinten. * * * In der Nacht vom 12. auf den 13. Juni ist im Dorfe Czarna plötzlich die 15jährige Tochter des Schankers Hirsch Gerstner verschwunden. Allgemein bezeichnete man den Gendarmerie-Postenführer Michael S a b o 1 als denjenigen, der das Mädchen in ein Kloster entführt hat. Und tatsächlich wurde auch festgestellt, dass sich das Mädchen im Kloster von Mogylany bei Krakau aufhalte. Von hier wurde es wieder in das Krakauer Kloster der Felicianerinnen überführt. Dort befindet es sich noch, trotzdem bereits die Eltern die Strafanzeige bei der Krakauer Staatsanwaltschaft erstattet haben. Der Prozess Jakob Stern. Der Prozess des unglücklichen jüdischen Schankwirtes Jakob Stern, über dessen einzelne Phasen wir unseren Lesern im Laufe der letzten Jahre wiederholt berichteten, ist vorläufig zu Ende. Der Kassationshof hat am 9. Mai d. J. die von unserem Vorstandsmitgliede Dr. Hö nigsmann vertretene Nichtigkeitsbeschwerde gegen das Urteil des Schwurgerichtes Rzeszow, mit welchem Jakob Stern wegen Verbrechens des Totschlages zu vier Jahren schweren Kerkers verurteilt wurde, verworfen. Ueber diese Entscheidung wie über den gesamten Verlauf des Prozesses schreibt Keichsratsabgeordneter Dr. Julius Ofner in der „Neuen Freien Presse" vom 20. Mai folgendes: Ein juristisches Trauerspiel hat am 9. Mai vor dem Kassationshof geendigt — traurig für die Betroffenen, traurig aber auch für die Justiz. Jakob Stern, ein achtzigjähriger Mann, wurde beschuldigt, einen Bauer Walenty Gry gar am 29. April 1906 getötet zu haben. Grygar war auf einem Feldwege, einige hundert Schritte weit von der Schenke des Markus Stossvogel, Schwiegersohnes des Jakob Stern, aufgefunden worden. Die gewaltsame Tötung war zweifellos. Seine Schädeldecke war zertrümmert, zwei Rippen waren gebrochen. Stern, der bei seinem Schwiegersohne lebte, hatte mit Grygar einige kleine Streitigkeiten gehabt, über welche Grygar sehr aufgeregt war. An dem kritischen Tage war Grygar schon betrunken in die Schenke gekommen, hatte Stern beschimpft und bedroht, so dass dieser flüchtete und erst am Abend, einige Zeit, nachdem Grygar weggegangen war, wieder zurückkehrte.