Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1908)
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 26 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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26 Mädchen-Entführungen. Vor dem Schwurgerichte in Wadowice wurde am 12. Juni nach zweitägiger Dauer die Verhandlung gegen jene Personen wegen Verbrechens der öffentlichen Gewalttätigkeit zu Ende geführt, welche beschuldigt waren, das 13jährige jüdische Mädchen Balbine Goldfinger in ein Kloster entführt zu haben. Auf der Anklagebank sassen die Nonnen Aniela B z o w s k a und Anna M a n k i e w k a, von denen die erstere Vorsteherin des Nazaretinerinnen-Klosters in Wadowice, die letztere Aufseherin der ♦ Jesuitenanstalt in Bobrek ist; ferner die Sekretärin des Krankenhauses in Wadowice Marie Lasciak und der Bevollmächtigte der Güter der Fürsten 0 gi n s k a, Kasimir Porawski, der als Direktor der Anstalt in Bobrek fungiert. Die Vorgeschichte dieses Prozesses ist folgende : Der Schankwirt Goldfinger wanderte mit seiner Frau und drei Kindern aus Zembryce nach Amerika aus, und nur seine jüngste Tochter, Balbine Goldfinger, konnte wegen eines schweren Augenleidens nicht nachfahren und blieb bei ihrer Tante Sala L e i b n e r, die sie in das Krankenhaus in Wadowice brachte. Balbine Goldfinger beschloss nun, wahrscheinlich unter dem Einflüsse der Nonnen, die als Krankenwärterinnen fungierten, sich taufen zu lassen. Als ihre Tante sie im Juni vorigen Jahres aus dem Krankenhause abholen wollte, erfuhr sie, dass Balbine Goldfinger sich nicht mehr im Spitale befand, und erst weitere Nachforschungen, die zur Verhaftung einer ehemaligen Patientin im Krankenhause, Anna B a n a, führten, ergaben bald, dass die Goldfinger, die sich in Wadowice viel an den gemeinsamen Gebeten beteiligt hatte, gemeinsam mit der Nonne L a s c i a k fortgefahren war. In Krakau war sie in das Nazaretinerinnenkloster gebracht worden. Von dort ab fehlte jede Spur des Mädchens, und erst als eine Revision des Klosters angedroht wurde, kam zutage, dass Balbine Goldfinger sich erst in das Felicianerinnenkloster in Krakau, von da nach Beuthen, später nach Wien begeben hatte, wo sie unter dem Namen Anna H a a s e bei dem Tischlermeister Johann H oluja in Dienst getreten war. Sie verblieb dort bis 22. November v. J. und reiste dann wieder nach Krakau, wo sie dann vernommen wurde. Trotz dieses Vorfalles wurde sie in der Jesuitenanstalt in Bobrek untergebracht, verschwand aber auch von dort wieder am 15. Dezember. Heute ist es den Nachforschungen der Behörden nicht gelungen, ihren Aufenthalt zu eruieren. An der Entführung des Mädchens soll sich auch Direktor Porawski als Haupttei'nehmer beteiligt haben. Alle Angeklagten stellten entschieden jedes Verschulden in Abrede. Sie erklärten, nicht gewusst zu haben, dass die Goldfinger das unmündige Alter noch nicht überschritten habe. Sie hätten dem Mädchen, das behauptete, obdachlos zu sein, auf ihre Bitte