Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1908)
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 20 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Mensch, der das Wohl und Wehe seiner Nächsten in warmer Liebe mitempfindet, der wird auch zweifellos für Lust und Schmerz Fernerstehender Teilnahme haben, der kennt nur einen Geist, den — der Liebe und Versöhnung. * * * Dieser Geist der Versöhnung war es, der, wie das Leben, so auch den Tod des „Weisen von Uscha" verklärte. Auch ihm blieb der Weltenlohn nicht erspart, der jeden wahrhaft Grossen früher oder später ereilt: Undank und Neid. Der Patriarch Simon, der von Meirs geistiger Ueberlegenheit eine Einbusse seiner eigenen Autorität befürchtet haben mag, ergriff Massregeln gegen ihn, die so weit führten, dass Meirs Lehrsätze in der Akademie nicht unter dessen Namen, sondern mit der Bezeichnung angeführt wurden: Andere sagen. — Meir verliess Uscha, um fern von der geliebten Heimat, in tiefem Schmerz über die erlittene Undankbarkeit, sein reichbewegtes Leben zu beschliessen. „Rabbi starb in Asia." Mit diesen dürren Worten meldet eine gelegentliche Notiz des jerusalemischen Talmud 37) den Tod unseres Weisen. Seinen Leichnam befahl er, an den Meeresstrand zu setzen, um so mit dem geweihten Boden der Heimat durch die Flut verbunden zu sein. Aber bald machte sich die verdiente Anerkennung Meirs geltend. Bald werden dessen Ansichten statt wie bisher mit der Bezeichnung: Andere sagen, mit den Worten gelehrt: Im Namen Meirs sagt man. Liebevoll und versöhnungsreich verklärt die Sage seine Gestalt. Sie macht ihn zum Wundertäter, vor dessen heiliger Erscheinung selbst die Löwen des Waldes scheu zurückweichen. 38) So hat sich sein Verdienst doch durchgerungen. Die Nachwelt sühnte, was das Leben ihm vorenthalten. Diese Versöhnung ist Geist vom Geiste des Judentums. Und dieser Geist, er hat im Laufe der Jahrhunderte an Innigkeit nichts eingebüsst. Und mancher scheinbare Rückfall diente nur dazu, um ihn desto mehr erstarken zu lassen. Achthundert Jahre später schien dieser „Geist" der Duldung gegenüber einer anderen „Leuchte" der Weisheit, auch ein Mose, erlahmen zu sollen, gegenüber einem Maimonides, und zwar durch die Verblendung einzelner Uebereifriger. Aber kaum ein Lustrum nach dem Tode dieses Unsterblichen wurde an seinem Hügel dessen gefeierter Genius um Verzeihung gebeten ob der Verkennung, die ihm widerfahren war.39) Beiläufig weitere 800 Jahre später beobachten wir, wieder an einem Mose, den Durchbruch desselben Geistes der Versöhnung 37) Jerusalmi Kilaim IX 32 c. 38) Seder Nadoroth S. 264. 39) Vgl. G r ä t z : Gesch. d. Juden. Bd. 7, Maimuni.