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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1908-06-01 · 6/7 (Juni/Juli 1908) · p. Seite 21

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
20 (1908)
Issue
6/7 (Juni/Juli 1908)
Date
1908-06-01
Page
Seite 21 (sequence 24)
Language
German
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21 und Liebe nach mancherlei Trübungen, an dem „Erleuchteten" aus Dessau. Und in der pietätvollen Legende trägt die Nachwelt gleichsam den Tribut der Dankbarkeit ab, den sie ihrem Grossen schuldet. In diesem Sinne kann man auch die grossen Männer unseres Volkes den „abgekürzten Ausdruck des Geistes" nennen, welcher dasselbe beseelt. Und der dichtende Genius des Judentums erzählt40) von Elischa: Da man denselben bestattet hatte, stiegen Rauchwolken aus dessen Grab und die Flammen drohten es zu verzehren. Da soll M e i r seinen Mantel über dasselbe gebreitet und gerufen haben: „Weile diese Nacht hier, am Morgen wird der Gute Dich erlösen; wenn nicht, wirst Du von mir erlöst werden." Der Mantel Meirs beruhigt die Flamme; das Verdienst des Schülers sühnt den Frevel des Meisters. So kann nur ein Mann gehandelt haben, dessen Lehre und Leben in eins zusammengeflossen. Dasselbe Licht der Wahrheit, der Liebe und Friedseligkeit, das einst in prüfungsreicher Jugend ins Herz ihm geleuchtet, als Gelehrten auf dem Weg ihm vorangegangen, sein milder Schimmer war es, der verklärend auf die Flamme der Empörung und Zwietracht wirkte, die aus dem Grabe des Ruhelosen loderte. In diese sanften Farben taucht die Sage des Judentums ihren Pinsel, um das Bild ihres Lieblings Meir mit dem milden Glänze der Treue und Menschengüte zu umgeben. Dieser wirft ein erhellendes Licht auf den Helden wie auf das Volk, dessen dichterischer Phantasie diese Legende entsprossen. Ein Volk, welches so empfindet und dessen Herz für solche Geister warm pulsiert, sein „Geist" kann kein anderer als der liebevoller Menschenwürde sein. Und dieser Geist der Menschenliebe ist das Ergebnis der öffentlichen Wirksamkeit Meirs, die Summe seines tatenreichen Lebens. Und dieser Geist, er hat sich auch heute in keiner Weise verringert, wenn er nicht an Intensität noch zugenommen hat. Er ist gerade gegenwärtig so aktuell wie irgend jemals. Denn leider wird gerade uns oft Gelegenheit geboten, diesen Geist der Versöhnlichkeit nicht nur im Wort, sondern in Wirklichkeit walten zu lassen. Allein, die Versöhnung, die alles verzeiht, weil sie alles begreift, sie mag wohl mitunter eine physische Schwäche bedeuten, aber in intellektueller Hinsicht deutet sie immer auf ethische Stärke hin; sie breitet gleich M e i r, dem „Weisen von Uscha", den Mantel der Liebe über die verzehrende Flamme des Wahnes; sie überzeugt nur durch den Zauber der Wahrheit; ihre Losung bilden die Worte der klassischen Dulderin: Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da. — ') Jerusalmi Chagigah III, 77 B.

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