Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1908)
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 18 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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18 jüdischen Charakters, so verkörpert dessen Gattin Beruria das Lebensbild eines wahrhaft jüdischen Weibes. Dies erklärt, weshalb ihre Gestalt niemals aus dem Bewusstsein der jüdischen Volksseele geschwunden ist. Und mit Recht durfte ein vor Kurzem erschienenes, empfindungsreiches Familienbuch Dr. G r u n w a 1 d's in Wien den Namen dieser idealen Frauengestalt, die ja immer den guten Geist der jüdischen Familie bildete, an seine Spitze setzen. Auch Beruria ist mild und liebevoll selbst gegen abtrünnige Sünder. Einige derselben hatten einstmals ihren Gatten beleidigt und ihm bittere Worte entrissen. Bei ihr finden sie Gnade. Heisst es doch nicht, spricht Beruria mit Bezug auf die Sünder, die Sünder sollen untergehen, sondern die Sünden mögen von der Erde schwinden, und wenn diese einmal dahin sind, dann werden die Frevler von selbst vergehen. Darum, sprach sie, bete nicht um deren Untergang, sondern um ihre Besserung.28) Es ist einleuchtend, dass ein solcher Seelenadel selbst von des Lebens Schicksalsschlägen nicht verdüstert werden konnte. Als bekannt darf die Erzählung29) von dem Tode ihrer beiden hoffnungsvollen Söhne vorausgesetzt werden, die ihr an einem Tage entrissen wurden. Heldenhaft den eigenen Schmerz bekämpfend, bereitet Beruria ihren Gatten auf den Verlust der Söhne mit den Worten vor: Rabbi, gestatte eine Frage. Vor langer Zeit hat mir jemand ein kostbares Gut zur Aufbewahrung anvertraut und heute hat er es zurückgefordert. Soll ich es ihm wiedergeben? Verwundert fragt Meir: Wie? ein Dir anvertrautes Pfand wolltest Du zögern, seinem Besitzer zurückzuerstatten? Nur mit Deiner Einwilligung, versetzte Beruria, ergriff des Gatten Hand, führte ihn in das Sterbegemach und zog das Leichentuch vom Antlitze ihrer entseelten Kinder mit dem Rufe: Gott hat sie uns gegeben, Gott hat sie uns genommen, seinen heiligen Namen wollen wir preisen. Kann es nun Wunder nehmen, dass die sittlichen Anschauungen Meir's solch aussergewöhnliehe waren? Der Hinblick auf diese seine auserlesene Frau war geeignet, dieselben zu vertiefen. Die im Umgang mit einer solchen Gattin geläuterte Tugend seiner Menschlichkeit war es, welche ihn zum Verkehr mit Elischa, dem Abtrünnigen befähigte. Wohl wird im Talmud selbst30) das Lebensende Berurias recht abenteuerlich geschildert. Nach Raschi's Erklärung soll sie ihre» Sittenideal untreu geworden und der Lockung des Sinnenreizes unterlegen sein. Auch soll nach einer Ansicht der Segensspruch unserer Liturgie: . . . „dass Du mich nicht als Weib erschaffen", unseren Weisen Meir zum Autor haben. J. Löwen- ,s) Berachoth 10 d. Jalkut Sprüche Salomos § 963. *S0) Aboda Laza 18 b : Maasse" d'Beruria.