Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1908)
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 16 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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16 So erblicken wir in Meir nebst dem strengen Hüter der Religionslehre, oder besser gerade deswegen den warmfühlenden Menschenfreund, der kein Vorurteil kennt, keinen Unterschied zwischen den Bekenntnissen und Ständen, der selbst um die Stirne des Götzendieners das priesterliche Diadem zu flechten bereit ist. Wenn es wahr ist, dass des Menschen Herz das Spiegelbild seines Geistes ist, dann stellt M e i r s humanes Leben ein glänzendes Zeugnis seiner Lehre aus. Die Wahrheiten, die sein heller Verstand empfing, verdichteten sich in seinen edlen Werken. Und so bildete denn einen leuchtenden Reflex seiner Weisheit dessen Charakter, den wir hiermit betrachten wollen. # * * Wir haben gesehen, wie der einstige Bücherabschreiber Meir sich zur glanzvollen Erscheinung seines Zeitalters emporgehoben. Dessen Aussprüche über Liebe und Duldung haben uns einen Beitrag zu seinem Gelehrtenleben geboten. Und dieses Bild wird sich vervollständigen, wenn wir den Verkehr betrachten, den er gepflogen. Dieser erstreckte sich vornehmlich auf Acher, seinem abtrünnigen Lehrer. Wir müssen den Lehrer verstehen, wenn wir den Charakter seines Schülers erkennen wollen. Mit dem Falle Bethars im Jahre 135 n. d. g. Z. war der letzte Freiheits versuch der Juden gescheitert; aber eines blieb unbesiegt, der Geist des Judentums, der unbesiegbar ist, der Geist der Gotteserkenntnis, der Gesittung und der Menschenliebe. Acher war es nun, der diesen Geist durch die Preisgabe an den herrschenden Hellenismus zu untergraben strebte. Und so fiel er immer mehr dem Abfall in die Arme, von dem er verblendeterweise die einzige Rettung seiner Brüder erhoffte. Acher war stark an Gedankenschärfe, aber schwach an einem: an Charakter, der in einer politisch bewegten Zeit, wie es die seinige war, dringend notwendig ist und den seine Brüder mit todesverachtendem Heldenmute behaupteten. Seine abtrünnigen Bestrebungen blieben erfolglos. Nun erscheint Acher, den die Erfolglosigkeit seiner abtrünnigen Bemühungen zu den Seinen zurückgeführt, wieder in trautem Umgang mit Meir, der ihm trotz seines Abfalles Freundschaft bewahrt hat. Noch immer ist Acher der alte Gesetzesverächter; aber nicht aus Bosheit sündigt er, sondern weil ihn die Schwere seiner Vergehungen an der Rettung seiner Seele verzweifeln lässt. Einst geht Meir am Sabbath neben seinem reitenden Lehrer einher. Dieser sprach: „Ich habe an den Hufen meines Rosses unsere Schritte abgezählt. Du darfst die Sabbathgrenze nicht überschreiten, Meir, kehre um!M „Auch du sollst umkehren", flehte tiefergrifien der Schüler. „Ich kann nicht mehr", war die Antwort, „denn ich habe eine Himmelsstimme gehört: Kehret um zu mir, alle ihr abtrünnigen Söhne, nur nicht Acher, denn er erkannte mein Wesen