Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1908)
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 15 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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15 Nicht erst mit der Uebergabe erhält der Vertrag Gesetzeskraft, sondern schon mit der Unterfertigung der Zeugen. 20) Ein Darlehen gleicht in gewissen Punkten einem anvertrauten Gute.21) Aufbewahrte Früchte darf man ohne Zustimmung des Besitzers nicht berühren, auch wenn sie zugrunde gehen.22) Wenn beide Parteien des falschen Schwörens verdächtig sind, schwört Keiner und sie teilen.23) Auf die Minderzahl muss man in den meisten Fällen Rücksicht nehmen.24). So lauten einige seiner Entscheidungen, die teilweise Gesetzeskraft erhielten. So strenge er aber auch gegen andere war, die grösste Strenge übte er gegen sich selbst. Einmal war er am Sabbath erkrankt. Man reichte ihm eine Arznei, aber er wollte sie nicht annehmen; und da man ihm seinen eigenen Ausspruch entgegenhielt, der es gestatte, sagte er: „Wohl habe ich es erlaubt, aber nie in meinem Leben dachte ich daran, die Verbote meiner Genossen zu übertreten"25). Das Merkmal der Verketzerungssucht ist doch in der Regel das Bestreben, für sich alles, für andere nichts zu erreichen. Das Gelehrtenleben Meirs zeigt uns das Gegenteil. Nein, nicht der Geist hierarischer Verfolgungssucht ist der Geist dieses Talmudjuden M e i r, der strenge Ansprüche an seine eigene Person stellt, Milde und Rücksicht aber gegen andere übt. Darum wirkt er in der Gesetzeslehre richtunggebend, weil sein Gelehrten leben ein Abglanz seiner Ueberzeugung war. Mit Recht heisst er M e i r, sagte man von ihm, denn er erleuchtet die Augen der Weisen in der H a 1 a c h a, der religionsgesetzlichen Lebens führung. * * * Aber nicht nur Israel allein, auch die gesamte Menschheit zieht er in den Kreis seiner Betrachtungen Seine menschenfreundlichen Anschauungen verlassen den Weisen auch nicht Andersgläubiger und Andersdenkenden gegenüber. Schon im Altertum war der nach talmudischer Ueberlieferung unserem Weisen angehörende Spruch bekannt: Auch der Heide, der Götzendiener, welcher sich mit der Thora beschäftigt, die jüdische Lehre zum Massstab seines Handelns wählt, ist dem Hohenpriester gleich zu achten, denn es heisst: Die Lehren soll der Mensch beobachten um in ihnen zu leben. Nicht der Priester, der Levit, der Israelit, sondern der Mensch heisst es, und auch die Heiden sind Menschen26). 2") Gittin häufig. J1) Kiduschin 47 b. ") Baba Mezia 38 a. ,s) Schebuoth 45 b. J4),Chulin 6 a. ,5) Sabbath 134a; Jerusalmi Berachot I, 3a. ,6) Sanhedrin 59 a.