Mannheim
Compact Memory

Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1908-06-01 · 6/7 (Juni/Juli 1908) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
20 (1908)
Issue
6/7 (Juni/Juli 1908)
Date
1908-06-01
Page
Seite 11 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9756662-9603886-9604092--1954-9604105
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

11 an einem: an Not und Entbehrung. Aber trotz seiner dürftigen Lage fühlte sich M e i r in seinem Berufe glücklich und zufrieden. Und man muss staunen, wie er seinem Zeitalter vorauseilt und die Arbeit, deren Segen heute so recht empfunden wird, schon in seiner Zeit würdigte. Er pries jeden glücklich, dem es vergönnt ist, seine Eltern ein ehrliches Handwerk ausüben zu sehen, und er empfahl jedem Vater dringend, seinen Sohn ein reines und leichtes Gewerbe erlernen zu lassen. *) Drei Lehrer werden vornehmlich genannt, die einen entscheidenden Einfluss auf seinen Bildungsgang ausübten : R. Ismael, R. Akiba und R. Elisa ben Abuha. Den weitaus bedeutsamsten Einfluss auf das Geistesleben M e i r s übte der Letztgenannte aus: der abtrünnig gewordene Lehrer des Gesetzes; späterhin auch unter den Namen A c h e r der Andersgewordene bekannt. Dieser abtrünnige Elischa war nun der Lehrer Meirs. Und das Wissen, welches der gottergebene Schüler von dem abtrünnigen Lehrer empfing, kann nicht gering gewesen sein. Sicher ist er von ihm in die griechische Philosophie eingeführt worden, welche er kannte, und in die griechische Sprache, die er beherrschte. Blieb er auch selber von den heidnischen Lehren unberührt, so durchweht dennoch nicht wenige Lehren unseres Weisen ein Hauch der stoischen Tugendlehre. Meir war eben selbst ein Muster der Tugend, darum wusste er dieselbe zu nehmen, wo er sie antraf. Er fand, wie man von ihm sagte,5) einen Granatapfel, dessen köstliches Innere er genoss, die unbrauchbare Hülle aber verwarf er. Bedenkt man nun, dass Meir einen Typus der talmudischen Wissenschaft darstellte, dass die Kenntnis der profanen Wissenschaft ihn nicht nur zu dem Verkehr mit heidnischen Philosophen befähigte, sondern ihm auch gestattete, bei seinen Lehren die hellenische Weisheit zu Rate zu ziehen, so erscheint doch der Schluss berechtigt, dass der Geist dieses Schrifttums, dessen Inbegriff eben Meir verkörperte, wohl nicht der Geist der Wissensfeindlichkeit sein kann. Von autoritativer Seite ist vor Monaten „der Fall Acher" gebührend beleuchtet worden. Dr. Güdemann in Wien war es, der es nicht scheute, gleichsam den Fehdehandschuh aufzunehmen, und seine Entgegnung auf die Ausschrotung der angeblichen Verketzerung Achers gipfelte in den Worten: „Die so arg verlästerten Pharisäer waren es, welche die Weisheit des Ketzers Elischa ben Abuha, genannt Acher, neben den Ansprüchen Hilleis und Anderer in den Sprüchen der Väter aufbewahrten . . ." 6) 4) Kiduschin 82 a. 5) Chagigah 15 b. 6) »Arbeiter-Zeitung« 1907, Nr. 217; vergl, »Oesterreichisch« Wochenschrift« 1906, Nr. 31.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.