Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1908)
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 10 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9756662-9603886-9604092--1953-9604104- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Au Um nun das Dunkel, welches Meirs Gestalt umgibt, zu lichten und sein Bild hell und klar hervortreten zu lassen, ist ts zweckmässig, seinen Lebensgang nach verschiedenen Richtungen hin zu betrachten, und zwar seine Lehr- und Wanderjahre, sein Gelehrtenl eben, seinen Charakter und endlich das Ergebnis seiner öffentlichen Wirksamkeit Meir kann als der Typus eines jüdischen Gelehrtenlebens betrachtet werden, weil in ihm alle die eigenartigen Züge erscheinen, die bei den einzelnen Talmudlehrern zerstreut entgegentreten. Das Leben und Wirken Meirs bildet darum den abgekürzten Ausdruck des jüdischen Volksgeistes. Und dieses Leben und Wirken Meirs wurzelt seinerseits in dessen Lehr- und Wanderjahren, die darum zunächst zu betrachten sind. X * * Das sagenhafte Dunkel, welches die Gestalt unseres Weisen umhüllt, erstreckt sich bis auf dessen Namen. Nach einem Berichte des babylonischen Talmud3) soll sein eigentlicher Name Maescha, Moise, gelautet haben und Meir der Erleuchtete soll er erst später genannt worden sein, „weil er die Augen der Weisen im Gesetze erleuchtet hat1'. Einst, so heisst es daselbst, richtete die römische Regierung an unsere Weisen einen Befehl, ihr einen Leuchter zu senden. Erstaunt über dieses sonderbare Verlangen der Behörden l iefen die Weisen aus: Wie viele Leuchter und Luster, wie viele Perlen und Edelsteine besitzt nicht das reiche Rom und von uns begehrt man nur einen Leuchter. Gewiss verlangen sie einen Mann, der ihr Antlitz im Gesetze erleuchte. Und sie schickten der Regierung den Meir, der ihr auch lichtvolle Aufklärung über das Religionsgesetz bot. Als Jüngling trat Meir — und dies ist fast die einzige Kunde aus seiner Jugendzeit — vor Rabbi Ismael, um sich in dessen berühmten Lehrhaus aufnehmen zu lassen. Welches Handwerk betreibst Du, mein Sohn? fragte der Meister. Ein Schreiber bin ich, war die Antwort. Mein Sohn, sei vorsichtig in Deiner Arbeit, antwortete Ismael, Du könntest ein Wort vergessen od^r hinzufügen und Du zerstörst die ganze Welt. Mit der Fertigkeit des Schreibens verband sich aber späterhin die Weisheit des Gelehrten und seine Kenntnis der Schrift war so erstaunlich, dass er einst am Purimfeste in Asia, in Ermanglung einer Estherrolle, das ganze Buch Esther aus dem Gedächtnis niederschrieb, um es sodann vorzulesen. Drei Scheckel war der kärgliche Verdienst, den sein Handwerk ihm wöchentlich abwarf. Ein Drittel derselben verwendete er für Speise und Trank, ein zweites für Bekleidung, das letzte Drittel spendete er an arme Gelehrte. Seine Lehr- und Wanderj ahre waren somit recht arm und dürftig, nur reich *) Erubin 13 b.