Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1908)
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 9 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9756662-9603886-9604092--1952-9604103- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
9 Allein, ob in guter Gesellschaft oder nicht, müssen wir doch diese Ehre gebührend zurückweisen. Den blanken Schild des Judentums soll nicht der geringste Fleck verunzieren. An dem Bilde eines jüdischen Gelehrtenlebens des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts möge untersucht werden, ob der Fall „Acher", wie behauptet wurde, den „Geist der Verfolgungs- und Verketzerungssucht" beweise, der dem Judentum innewohne. Und zwar sei diese Untersuchung an der Hand des Lebens- und Charakterbildes R. Meirs angestellt, der eben der treueste Freund des genannten Acher war. Vorausgeschickt sei die Bemerkung, dass mir als Quelle das gleichnamige Werk Dr. A. Blumenthals s. A. diente. Dasselbe wurde in der vorliegenden Abhandlung insoweit berührt, als dessen historische Daten für sie in Betracht kamen. * * * David Kaufmann2) sagt einmal, man kennzeichne die Völker nach den höchsten Vertretern ihres Geistes, weil die Eigenart der Nationen mit Allem, was Grosses und Schönes an denselben zu rühmen ist, sich in diesen Männern gleichsam verkörpere. Wenn in diesem Sinne Frankreich auf Voltaire wie auf den abgekürzten Ausdruck seines Volksgeistes hinweist, wenn man aus demselben Grunde die Deutschen das Volk L e s s i n g s nennt, so kann, meint Kaufmann, mit gleichem Rechte das Judentum von sich rühmen: Ich habe Jehuda Halevi geboren . . / Ich möchte hinzufügen: So darf das Judentum voll Genugtuung als Volk sich bekennen, dem die Geister des Talmud entsprossen sind, welcher als kulturhistorische Quelle längst anerkannt dasteht. Aber meist sind die Lieblinge eines Volkes von der schmückenden Sage so üppig umrankt, dass es schwer erscheint, Dichtung und Wahrheit von einander zu unterscheiden und aus den allerorts zerstreuten Nachrichten ein getreues Lebens- und Charakterbild dieser Männer zu entwerfen. Zu diesen Männern gehört eben Meir, der berühmte Lehrer des Judentums. Sein Leben fällt in das zweite, nachchristliche Jahrhundert. Er hat einem ganzen, bedeutsamen Abriss der jüdischen Geschichte sein Gepräge aufgedrückt. Meirs Lehre ist bahnbrechend geworden für die religiöse Zukunft seiner Stammesgenossen. Weil aber diese seine Lehre nicht in weltferner Abgeschlossenheit entstanden, sondern in den Erfahrungen eines vielbewegten Lebens gereift war und im Verkehre mit Zweiflern und Andersdenkenden versöhnend sich geklärt hatte, darum ist dieselbe nicht nur für das jüdische Gesetz von massgebender Bedeutung geworden, sondern lässt auch aus dem bereits erwähnten Grunde gerade in unseren Tagen eine populäre Darstellung wünschenswert erscheinen. 2) David Kaufmann : Jehuda Halevi, Breslau, 1877, S. 5.