Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1908)
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 5 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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in ihren Reden allgemein politische und wirtschaftliche Fragen, wendeten sich jedoch im Verlaufe ihrer Ausführungen mit grosser Vehemenz gegen die Resolution Schmid und die antisemitischen Bestrebungen, welchen diese Resolution ihren Ursprung verdankte. Die jüdisch-nationalen Abgeordneten Stand, Dr. M a h 1 e r und Straucher behandelten naturgemäss die Resolution Schmid nur als eine Episode in der grossen und generellen Frage der staatsbürgerlichen Stellung der Juden. Ihre Reden bedeuten weit, weit mehr als die Abwehr eines vereinzelten Unrechtes. Sie haben den Anspruch des jüdischen Volkes in Oesterreich auf volle Gleichberechtigung mit allen anderen Völkern dieses Staates stolz und selbstbewusst mit der kulturellen, sittlichen und intellektuellen Gleichwertigkeit des jüdischen Volkes begründet. Der Abgeordnete Stand schilderte das Erwachen des jüdischen Volksbewusstseins in Galizien und deckte die schamlosen Missbräuche in der galizischen Verwaltung auf. Er wendete sich sodann gegen den vom Abgeordneten Bielohlawek den Juden gemachten Vorwurf, sie seien alle solidarisch, ob Anständige oder Verbrecher. Es gebe keine grössere Utopie unter den Juden als eben die Solidarität. Man sehe sich nur in dem Mikrokosmos dieses Hauses um und man sieht ein Dutzend Juden unter so vielen Parteien, ja Nationen geteilt. Das jüdische Volk s4 mit den Kohlenwucherern, mit den Börsenmagnaten, mit den Geldprotzen, mit den Juwelen Hebräerinnen, mit den Mädchenhändlern, mit denjenigen, welche Tafelorgien veranstalten, mit jenen, die man beim Rennen oder beim Spiele sieht, nicht solidarisch. Diese seien die wuchernde Eiterbeule am Körper des jüdischen Volkes. Der Abgeordnete Stand hätte hier nur hinzufügen sollen, dass zweifelhafte oder unsaubere Existenzen nicht unter den Juden allein, sondern im gleichen Verhältnisse auch bei den Ariern zu finden sind. Der Unterschied liegt nur darin, dass notorische Diebe, Defraudanten, Besitzer öffentlicher Häuser und Leute, die sich an öffentlichen Geldern bereicherten, Mandate in der christlichsozialen und deutschnationalen Partei erlangen konnten, während die Juden solche Elemente aus ihrem Organismus ausscheiden. Gegenüber dem Rate des Abgeordneten Schmid, die Juden mögen sich nicht dem leichten Erwerbe hingeben, sondern die schwere Arbeit aufsuchen, bemerkte Abgeordneter Stand, dieser Rat komme um Jahrhunderte zu spät. Redner beschäftigte sich sodann mit dem Budget und verwies darauf, dass, während auch für solche Konfessionen, welche wenige Mitglieder zählen, Beträge im Budget erscheinen, für die jüdische Konfession keinerlei derartiger Betrag eingestellt sei. Er erörterte die Frage des Hausierhandels und bemerkte, es wirke befremdend, dass die cbristlichsoziale Partei ihren Antisemitismus nicht gegenüber den von ihm früher gekennzeichneten Elementen betätigte, sondern gegenüber hungernden Wiener Dienstmännern, Tramwajkondukteuren oder Hausierern.