Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 6/7 (Juni/Juli 1908)
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 4 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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4 und Sommer. Sind sie in Wahrheit freisinnig? Kann ein freidenkender Mensch es billigen, dass man einem Teile des Volkes die Möglichkeit, sich zu bilden, verweigern will, wie dies heute nur noch in Russland geschieht? Ist es überhaupt ein Zeichen freien Sinnes, Bildungsschranken aufrichten zu wollen und gegen das erste und wichtigste konstitutionelle Grundrecht, gegen die Gleichberechtigung aller Staatsbürger, seine Stimme zu erheben?" Nun denn, über den „Freisinn" der Herren wollen wir uns so wenig den Kopf zerbrechen, wie über jene Art von Deutschtum, welche dieVolksinteressen durch Preisgabe aller kulturellen Errungenschaften an den Klerikalismus am besten zu wahren glaubt. Das haben die pygmäenhaften Epigonen der Herbst und Hasner mit sich selbst auszumachen. Aber was das „Mährische Tagblatt" nur hypothetisch andeutet, das ist in Wahrheit schon eingetreten: Es ist den Juden in Böhmen und Mähren schon eingefallen, aus dem Verhalten der Deutschen die Konsequenzen zu ziehen und sich von einer Partei abzuwenden, die nach dem Zeugnisse des Abgeordneten Lecher vor den Wahlen um die Stimmen der Juden bettelt und nach den Wahlen den Antisemitismus herauskehrt. Die Juden in Mähren und Böhmen begreifen bereits, dass es mit ihrer Selbstachtung und Würde, aber auch mit ihren staatsbürgerlichen Interessen unvereinbar ist, sich von denselben zweifelhaften Ehrenmännern Fetzen ins Gesicht schlagen zu lassen, denen sie in den Steigbügel geholfen haben. Auch in den westösterreichischen Kronländern ist jene Bewegung mächtig angewachsen, welche auf eine selbständige Organisation der jüdischen Wählerschaft und auf die energische Wahrung der jüdischen Interessen gegenüber den anderen Nationalitäten dieses Staates gerichtet ist. Das Wort „jüdisch-national" mag manchem unter uns noch gegen den Strich, gegen alte, eingewurzelte Gewohnheiten gehen, aber man wird sich schliesslich überall mit diesem Worte befreunden müssen. Wenn „deutsch" gleichbedeutend ist mit Felonie, mit Bildungsfeindlichkeit und Rassenhass, dann muss dem gegenüber der Begriff „jüdisch" gleichbedeutend sein mit politischer Ehrlichkeit, kulturellem Fortschritt und nationaler Duldsamkeit. Wir können unser bestes Wesen, den kostbarsten Inhalt des Judentums nur retten, wenn wir uns so rasch als möglich auf eigene Füsse stellen und uns offen, ehrlich und jederzeit als Juden bekennen! Das ist auch die beste Art, uns gegen die kommenden Stürme zu rüsten. S. F. Die jüdischen Abgeordneten. In die Budgetdebatte des Abgeordnetenhauses haben diesmal die jüdischen Abgeordneten, namentlich die Mitglieder des jüdischen Klubs, sehr nachdrücklich eingegriffen. Die Abgeordneten Kuranda, Dr. Löwenstein, Dr. K o 1 i s c h e r und Dr. G o 1 d besprachen