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Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union · 1908-05-01 · 5 (5.1908) · p. Seite 25

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Journal
Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
Volume
20 (1908)
Issue
5 (5.1908)
Date
1908-05-01
Page
Seite 25 (sequence 28)
Language
German
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25 Juden dagegen sind meistens Anhänger der freiesten Eichtungen in der Kunst. Tolstoi verwirft alles Differenzierte und Komplizierte, er predigt die primitivste Schlichtheit. Die modernen Juden dagegen lieben das Feinnuanzierte und neigen oft zu den feinsten Differenzierungen im Leben und im Empfinden. Tolstoi verkündet das Heil in der Rückkehr von der Kultur zur Natur, in der Entbehrung sieht er den einzigen Weg zum Glück. Der moderne Jude aber schreitet, ja stürmt oft vorwärts in der Kultur und lechzt nach der Verfeinerung des Lebens, nach der Entwicklung der ästhetischen Kultur. Das sind weitgehende psychische Differenzen, ja getrennte Welten. Die russischen Juden sind sich dieser divergierenden Gesichtspunkte wohl bewusst. Wenn sie trotzdem Tolstoi freudigen Herzens feiern, so geschieht es vor allem aus aufrichtiger Verehrung vor jeder wirklichen Grösse. Der Jude ist kritisch beanlagt und neigt gern zur Ironie, wo er auf Mittelmässigkeit stosst. Er ist aber ebenso leicht begeistert für alles Grosse und Schöne, auch da, wo er nicht mit allem einverstanden ist. Die grössten Goethe-Verehrer in der Literatur, die begeistertsten Wagner-Schwärmer in der Musik und die verzücktesten Lobsänger Böcklins in der Malerei findet man unter den heutigen Juden. Man frage jeden Theater- und Konzertdirektor, wer die häufigsten Besucher seines Institutes sind, man frage den Buchhändler, wer heute die meisten Bücher kauft und liest, und man wird die richtige Antwort bekommen. Es ist ein Irrtum, wenn man das auf den grösseren Wohlstand der Juden schiebt. Nicht unter den reichsten Juden, sondern gerade unter dem Mittelstand findet man die grösste Hingabe an Kunst und Wissenschaft, den feurigsten Idealismus, der opferfreudig alle äusseren Hindernisse überwindet. Die Begeisterung ist die Hauptsache, sie ist die Mutter alles Guten und Edlen. In der russischen Judenheit ist dieser Drang noch stärker. Der russische Jude kann ohne Begeisterung gar nicht leben, die Ekstase ist sein Element. Es gibt viele russisch-jüdische Studenten, die mit 60 bis 70 Mark monatlich leben, oft viele Tage nichts Warmes essen und dabei fleissig studieren und häufige Besucher des Theaters, allerdings des „Olymps*' sind. Für diese Elemente ist es eine Wonne, sich für einen so bahnbrechenden Geist wie Tolstoi zu begeistern und ihn überschwänglich zu feiern. Dazu kommt noch die innige Dankbarkeit für den edlen Mensch en Tolstoi. Die Juden werden es ihm nie vergessen, dass ihn die unmenschlichen Pogroms stets mit Trauer und Ekel erfüllten, dass er stets seine Stimme gegen diese Schmach seines geliebten Volkes erhob. Wie alle grossen Russen, wie T u r g eniew, Tschechow, Gorkji, verdammte er die judenfeindliche Bewegung, weil er in ihr das grösste Hemmnis für die gesunde Entwicklung Russlands erblickte. Und wie ernst es ihm

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