Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Journal
- Monatschrift der Oesterreichisch-Israelitischen Union
- Volume
- 20 (1908)
- Issue
- 5 (5.1908)
- Date
- 1908-05-01
- Page
- Seite 24 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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cj4 den stürmischen Wogen Widerstand leisten. Weim sie aber den grossen Aufgaben gerecht werden wollen, die sie zu erfüllen haben, wenn sie die Zeichen ihrer Zeit zu deuten verstehen, so müssen sie es aufgeben, sich der Strömung zu widersetzen, sie müssen im Gegenteil danach trachten, alle Strömungen in sich zu vereinigen, zum Heil der Gemeinde und zum Segen des Judentums. Tolstoi und die Antisemiten. Von jüdischer Seite wird uns geschrieben: Die Tatsache, dass alle wirklich grossen, freien Geister den " Antisemitismus als Ausfluss des Barbarismus verwerfen, ist den Antisemiten stets unbequem gewesen. Da sie aber nicht die moralische Kraft besitzen, eine Wahrheit, die gegen sie spricht, anzuerkennen, so helfen sie sich dagegen mit allen erbärmlichen Mitteln. Zunächst wird jede wissenschaftliche oder künstliche Grösse, die sich nicht durch antisemitische Gesinnung legitimiert, als minderwertig oder gar im Judensolde stehend geschildert. Wo dies aber nicht möglich ist, weil man sich durch eine solche Behauptung lächerlich machen würde, da wird ein noch kühneres Experiment gewagt. Es wird weiss in schwarz verwandelt und mit dreister Stirn die humane und liberale Gesinnung des Mannes in das Gegenteil übersetzt. Dieselbe Taktik wenden auch unsere Antisemiten jezt an, wo die russische Intelligenz, ja die ganze Kulturmenschheit sich anschickt den Ehrentag des grössten Russen der Gegenwart, des Philosophen und Künstlers Leo Tolstoi, zu feiern. Tolstoi ist kein Jude und kein Philosemit, aber er ist ein grosser, freier Denker und ein edler Menschenfreund. In diesen beiden Eigenschaften musste er ein konsequenter Gegner des Klassen- und Rassenhasses sein, und so kämpfte er sein Leben hindurch gegen alles Niedrige und Gemeine in der Politik und in der Kultur. Tolstoi hat in seiner Lehre und seiner Weltanschauung viel mit dem Urchristentum, also auch mit dem abgeklärten, mit dem Judentum des Rabbi H i 11 e 1 gemein. Von der Anschauung und dem Temperament der heutigen Juden der slavischen Länder trennen ihn viele Punkte. Die Ethik Tolstois ist passiv, sie erstrebt Duldung, Resignation, während der Jude, seiner ganzen Natur nach, sich nach tätigem Eingriff in die Dinge, nach Kampf sehnt. Tolstoi ist im gewissen Sinne Anarchist, er verneint jegliche Herrschaft und jede Autorität. Aber er gestattet nie Umwälzungen, er erlaubt nie aktiven Widerstand und er erstrebt also mehr die innere als die äussere Freiheit des Menschen. Der moderne Mensch aber und namentlich der Jude weiss, dass ohne wirtschaftliche Gesundung und ohne politische Rechte eine Freiheit nicht möglich ist. Tolstoi verneint iede Kunst, die nicht der Ethik dient. Die modernen